Liebe Schüler, liebe Eltern, fast überall hat nun wieder die Schule begonnen und damit der alljährliche Wettlauf um gute Noten. Vielleicht habt Ihr ja auch die Motivation zu noch besseren Noten oder wollt in diesem Schuljahr gar Klassenbester werden?

Eine Wettbewerbssituation, bei der es nur einen Gewinner gibt und der große Rest verliert? Bei Weitem nicht!

Wettbewerbssituationen begleiten Euch Euer ganzes Leben lang. Sie kommen versteckt daher (wer hat das größere Auto, wer das schönere Haus, wer den besseren Job?) oder ganz offen als Wettbewerb, an dem man freiwillig teilnimmt und sich freut, dass man sich mit anderen messen darf.

Ich berichte Euch heute von dem Ergebnis meines letzten Wettbewerbes. Im Rahmen der Mind Sports Olympiad in London wird jährlich unter anderem auch die Weltmeisterschaft im Kopfrechnen ausgetragen. Wie Ihr vielleicht wisst, habe ich dort bereits 11 Mal den Titel geholt. Mit dem Gedanken daran, dass sich das in diesem Jahr wiederholen sollte, fuhr  ich also hin.

1267 Punkte konnte man maximal erreichen, wenn man alle Aufgaben steigenden Schwierigkeitsgrades in allen 16 unterschiedlichen Sektionen richtig gelöst hatte. Ich hatte nur wenige Aufgaben nicht bearbeitet und sehr wenig Fehler gemacht, so dass ich 1104 Punkte holen konnte. Das freute mich, denn einerseits war das für mich persönlich eine Verbesserung und andererseits hatte noch niemals jemand in diesem Wettbewerb über 1100 Punkte geschafft (bislang war ich sogar der Einzige, der die 1000 geknackt hatte).

Wie groß war mein Erschrecken, als das lange Warten auf die Ergebnisse endlich vorbei war und in der Tabelle mein Name erst an zweiter Stelle stand! Meine 1104 Punkte hatten nicht gereicht, ein anderer Teilnehmer hatte 1108 geschafft. Natürlich nimmt man bei einem solch knappen Ergebnis – der Unterschied betrug ja nur wenige Promille – Einsicht in die Aufgaben und in die Korrekturen. Eine kleine Hoffnung, doch noch ein paar Punkte oder einen Korrekturfehler zu finden, der das Blatt wieder wendet …

Bei der Durchsicht fiel mir auf, dass ich für eine gelöste Aufgabe keine Punkte bekommen hatte und hakte nach.

Es ging um eine Aufgabe, die ich mathematisch korrekt beantwortet hatte, die aber nicht den Wettbewerbsregeln entsprochen hat und deshalb mit 0 Punkten bewertet wurde. Man sollte eine höhere Wurzel aus einer Zahl ziehen, das Ergebnis war nicht aufgehend, in diesem Falle wäre es 26,2… gewesen. Die Aufgabenstellung lautete, man soll die Antwort auf 3 signifikante Stellen genau angeben, „3 significant digits“ war der Terminus. Ich schrieb 26,24 und hatte damit 4 Stellen angegeben und genauer gerechnet, als es erforderlich gewesen wäre.

Es gab nun lange Diskussionen, ob man das anerkennen soll oder nicht, schließlich hatte ich mehr geleistet und genauer gerechnet als es gefordert war. Zudem wurden Mathespezialisten vor Ort befragt und auch Experten angerufen. Keine Einigung! Diese (nur mittelschwere) Aufgabe hätte 7 Punkte gebracht und mir damit 1111 Punkte gesamt beschert und zum Sieg verholfen.

Der Präsident hat irgendwann ein Machtwort gesprochen und eine Diskussionsgruppe angeboten (als eine Art Schiedsgericht). Es ging nicht um mich persönlich, sondern um die Klärung, was der Terminus „3 significant digits“ genau bedeutet, also ob man eine zusätzliche Zahl hinschreiben dürfte oder nicht, da ja nicht „only 3“ oder „exact 3“ dort stand. Sie sollten abstimmen und diese Entscheidung sollte dann von allen akzeptiert werden. Ok, sie stimmten also letztendlich so ab, dass 3 Stellen auch wirklich genau 3 Stellen bedeuten (auch wenn die vierte rundungstechnisch das Ergebnis nicht einmal verändert hätte, also eigentlich nicht signifikant ist).

Warum erzähle ich Euch das?

Weil ich Parallelen sehe.

… Parallelen zu dem Schüler, der die bessere Note um einen halben Punkt verpasst hat und verzweifelt nach einem Gnadenpunkt sucht.

… Parallelen zu dem Klassenbesten, der überraschend vom Neuzugang der Schule überholt wird.

… Parallelen zu demjenigen, der sich fragt, ob es sich lohnt, weiter zu üben und sich anzustrengen, wenn all die Mühe dann vielleicht doch nicht ausreicht.

… Parallelen zu demjenigen, der sich ohne zu üben auf seine Talente verlassen hat und nun erstaunt feststellt, dass andere mit Training (oder mit der Kombination Training+Talent) sehr viel erreichen können.

Letztendlich ist es nicht schlimm, wenn jemand besser ist als wir selber. Aus diesem Grund nehmen wir ja an Wettkämpfen teil, eben WEIL wir wissen wollen, wo wir mit unserer Leistung stehen. Und weil es uns die Möglichkeit bietet, zu sehen, wo wir uns verbessern können. Und natürlich auch, weil es Spaß macht!

Natürlich war ich sehr enttäuscht, als die Wettkampfleitung ihre Entscheidung getroffen hat. Es ist zunächst ärgerlich, egal ob man durch echte Niederlage oder durch unglückliche Umstände bzw. unklare Regularien verliert. Aber das heißt lange nicht, dass Mutlosigkeit von uns Besitz ergreifen sollte oder dass die Motivation zu einer weiteren Teilnahme sinkt. Ich sehe mich keineswegs als Verlierer und werde mir meinen Titel wieder zurückholen. Dass ich in diesem Jahr viel zu wenig bis kaum trainiert habe, wird sich nicht wiederholen. Ich möchte Euch mit auf den Weg geben, dass es sich lohnt, weiterzumachen und tue dies mit einem Zitat des US-amerikanischen Geistlichen und Schriftstellers Henry van Dyke (1852–1933):

Nutze die Talente die Du hast! Die Wälder wären still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.

Habt Ihr vielleicht auch eine Geschichte wie die meinige, die ins mathematische Kuriositätenkabinett passt? Den dämlichsten/lustigsten/ärgerlichsten/verhängnisvollsten Rechenfehler, den Ihr Euch geleistet habt? Schreibt mir, was passiert ist, wie Ihr Euch gefühlt habt, ob ein Schaden dadurch entstanden ist, wie Ihr damit umgegangen seid und vielleicht auch, welche Schlüsse Ihr daraus gezogen habt!

Schickt mir Eure Geschichte bis zum 31.12.2016 an mathepannen@diagnostik-mittring.de. Der Einsender der originellsten Geschichte mit dem größten „in-den-Hintern-beißen-Faktor“ gewinnt ein signiertes Buch von mir „Rechnen mit dem Weltmeister“ oder „Fit im Kopf“.