Warum steht im Supermarkt immer eine Schlange an der Kasse? Zufall? Fügung? Schicksal? Möglicherweise liegt es an den modernen Scannerkassen. Mühselig wird Produkt für Produkt darüber gezogen, quälend langsam und gerne auch mehrmals, bis das erlösende „Pieep“ ertönt. Der Supermarkt bei mir um die Ecke „piept“ übrigens so langsam, dass ich schon vermutet habe, die Marktleitung hat die Lichtgeschwindigkeit um mehrere Größenordnungen heruntergesetzt.

Früher gab es Supermarktkassen, bei denen mussten die Kassiererinnen den Preis für jedes Produkt noch selbst eintippen. Ich weiß, es klingt völlig verrückt, aber es war so. Das Unternehmen Aldi war der beste Beweis, dass das ziemlich flott gehen konnte. Und zwar so schnell, dass es fast schon wieder verdächtig war. Vermutlich hämmerten die Aldi-Kassiererinnen – egal welche Produkte man auf dem Band liegen hatte – vollkommen willkürliche Beträge in die Kasse. Einfach nur, um den Kunden mit ihrer Schnelligkeit zu beeindrucken. Doch auch das ist seit einigen Jahren vorbei. Aldi Süd führte im Jahr 2000 die Scannerkasse ein, Aldi Nord drei Jahre später.

Was sind die wahren Gründe für Warteschlangen? Warum steht man immer in der langsamsten? Und was meint die Wissenschaft dazu?

Zunächst lässt sich sagen, dass man subjektiv immer das Gefühl hat, in der langsamsten Schlange zu stehen. Oft ist das jedoch ein klassischer Trugschluss. Um diese These zu überprüfen, müsste man sich über einen Zeitraum von mehreren Monaten in beliebigen Warteschlangen mit Stoppuhr, Klemmbrett und Tabellen anstellen und die Zeiten der eigenen mit den der anderen Schlangen vergleichen. Glauben Sie mir, das Ergebnis wäre enttäuschend und langweilig. Was wahrscheinlich ein Grund dafür ist, dass sich so wenige Menschen mit Stoppuhr, Klemmbrett und Tabellen in eine Warteschlange stellen.

Feldforschungen zeigen, dass der Bezahlvorgang mit Abstand die meiste Zeit benötigt. Etwa zwei Drittel ihrer Arbeitszeit verwenden Kassiererinnen und Kassierer auf diesen Prozess. Der eine tippt dreimal den falschen PIN ein, ein anderer möchte seine alten D-Mark Münzen loswerden oder der dubiose Stornoschlüssel muss per berittenem Boten aus einer andere Filiale geholt werden. Stellen Sie sich daher immer in die Schlange mit den wenigsten Kunden. Selbst wenn diese brechend volle Einkaufswagen haben. Denn es gilt die Faustregel: Das Scannen von 30 Artikeln entspricht einem Bezahlvorgang.

Auch für Wissenschaftler sind Warteschlangen ein faszinierendes Forschungsgebiet. Bereits vor über 100 Jahren stellte der Mathematiker Agner Krarup Erlang eine Warteschlangentheorie auf. Um die Formel zu berechnen, benötigen Sie allerdings so viel Zeit, dass Sie sich eigentlich gleich an der langsamsten Schlange anstellen können. Heutzutage hat sich der Mathematiker Thomas Hanschke mit der Theorie des Schlangestehens intensiv beschäftigt. Dabei konnte er zeigen, dass wir uns beim Warten wie Moleküle verhalten. Salopp gesagt sind wir vor der Supermarktkasse nicht viel klüger als ein simples Wasserstoffatom. Kein Wunder, denn die Situation ist von vielen unvorhersehbaren, zufälligen Ereignissen abhängig: Unregelmäßige Kundenströme, unterschiedlich schnelle Kunden, nicht ausgezeichnete Waren etc. …

Solange die Zahl der geöffneten Kassen groß und der Kundenstrom klein ist, läuft alles wie geschmiert. Je höher die Auslastung, desto anfälliger reagiert das System auf zufällige Schwankungen. In statistischen Simulationsprozessen lässt sich zeigen: Es liegt definitiv nicht an der Dämlichkeit von einzelnen Kunden, die ein Kassensystem zur Überlastung bringt, sondern ausschließlich am Auftragsvolumen. Sobald eine kritische Zahl von Kunden überschritten wird, steigt die Wartezeit überproportional an. Egal wie flott und intelligent die beteiligten Personen sind. Eine Tatsache, vor der auch die klügsten Wissenschaftler kapitulieren müssen.

Einen Ausweg jedoch gibt es: Die sogenannte „amerikanische Schlange“ gilt nachweislich als das schnellste Wartesystem. Hierbei handelt es sich um eine einzige Warteschlange, die erst direkt vor den Schaltern aufgeht. Auf Flughäfen, Bahnhöfen oder Multiplex-Kinos inzwischen gang und gäbe.

Warum aber ist mein Supermarkt noch nicht darauf gekommen? Vielleicht, weil er sich den Anschein von Exklusivität geben will. Man stelle sich nur vor, vor dem angesagtesten Club der Stadt stünde keine 200 Meter lange Schlange. Nicht auszudenken wie uncool. So gesehen ist das ewiglange Herumstehen in meinem Supermarkt nicht nervig, sondern unglaublich hip!