Zu viel Dioxin in Frühstückseiern, erhöhte Asbestwerte in Grundschulen, zu hohe Vakuumkonzentrationen in menschlichen Gehirnen – alle paar Wochen informieren uns die Medien, dass irgendwo wieder irgendein Grenzwert überschritten worden ist und uns alle ins Verderben stürzen wird. Doch was besagt eigentlich ein Grenzwert? Wie wird er berechnet? Und ist seine Überschreitung wirklich so gefährlich?

Klar ist: Gewisse Substanzen haben schädliche Wirkungen auf Stoffwechselvorgänge von Menschen, Tieren und Pflanzen. Deswegen versuchen Wissenschaftler herauszufinden, wie viel des schädlichen Stoffes ein Organismus höchstens aushalten kann, um Spitzenbelastungen von gesundheitsschädlichen Stoffen zu vermeiden. Was ja durchaus sinnvoll ist.

Vereinfacht dargestellt wird ein Grenzwert nach folgendem Szenario festgelegt: Man gibt einem Meerschweinchen so lange einen bestimmten Schadstoff, bis es daran verendet. Dann rechnet man die tödliche Dosis auf einen Bruchteil herunter und multipliziert diesen Wert mit einem speziellen Umrechnungsfaktor Mensch/Meerschweinchen.

Grenzwerte sind also in erster Linie mathematische Konstrukte. Und obwohl diese Art der Berechnung mit das Beste ist, was wir haben, birgt sie eine Reihe von Schwierigkeiten: So weiß man, dass die Giftigkeit von Stoffen für unterschiedliche Lebewesen recht unterschiedliche Auswirkungen haben kann. Die Menge an Dioxin, die ein Meerschweinchen über den Jordan schickt, ist für einen Hamster beispielsweise relativ harmlos. Von einer Kakerlake gar nicht erst zu sprechen. Die können Sie mit Dioxin vollpumpen bis in die Fühlerspitzen, das kümmert die überhaupt nicht.

Um die Bevölkerung zu schützen und kein Risiko einzugehen, nimmt man selbstverständlich als Referenztiere nicht den robusten Hamster oder gar die Kakerlake als Mess-Grundlage, sondern das sensible Meerschweinchen. Was eventuell zur Folge haben könnte, dass wir bei den daraus errechneten Grenzwerten nicht unbedingt den Menschen schützen, sondern das Meerschweinchen. Denn nach allem, was die Toxikologie weiß, scheint der Mensch zu den eher unempfindlicheren Spezies zu gehören und tendenziell näher am Hamster als am Meerschweinchen zu sein.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor bei der Grenzwertberechnung stellt die Frage dar, wann eine bestimmte Dosis tatsächlich gesundheitsschädlich ist. Angenommen, von 10.000 Menschen, die einen drei Meter tiefen Fluss durchqueren, würden 100 ertrinken. Wäre dann die Schlussfolgerung richtig, dass in einem drei Zentimeter tiefen Wasser immer noch ein Mensch ums Leben kommt? Natürlich ist das Quatsch. Aber mithilfe solcher Kalkulationen werden  Grenzwerte festgelegt. Das liegt keineswegs daran, dass die zuständigen Institute und Behörden zu doof sind, ganz im Gegenteil. Man hat einfach keine andere Möglichkeit, Grenzwerte zu berechnen. Die Krux ist: Wir wissen oft nicht, bei welcher Konzentration ein bestimmter Schadstoff noch gefährlich oder bereits komplett unbedenklich ist. „Die Dosis macht das Gift“, sagte schon vor rund 500 Jahren der Arzt Paracelsus. Doch genau diese Dosis ist oftmals nicht bekannt, und manchmal ist es sogar unmöglich, sie zu bestimmen. Deswegen geht man im Zweifel auf Nummer sicher, und setzt die gesetzlich zulässige Dosis so weit herunter, dass man keine Gefährdung mehr nachweisen kann. Um im Bild zu bleiben: Um garantiert nicht zu ertrinken, darf der Fluss nicht tiefer sein als drei Millimeter!

Die Einführung von Grenzwerten ist als Orientierungshilfe notwendig und sinnvoll. Doch wie schon gesagt basiert deren Festlegung in erster Linie auf Mathematik und nicht auf echten medizinischen Grundlagen. Und deshalb sollten wir Grenzwertdiskussionen mit einem gesunden Maß an Skepsis betrachten. Mitunter werden sogar Grenzwerte, wie zum Beispiel die für Cholesterin, recht willkürlich nach unten versetzt, damit man Cholesterinsenker besser verkaufen kann. Das heißt: Nicht immer, wenn ein Grenzwert überschritten ist, bedeutet das automatisch, dass auch tatsächlich eine Gesundheitsgefährdung vorliegt. Die damit verbundene Panik kann mitunter sogar mehr schaden als nützen. Das Wissenschaftsmagazin Science hat errechnet, dass in US-amerikanischen Schulen pro Jahr ein Schüler von 10 Millionen durch eine erhöhte Asbestbelastung ums Leben kommt. Während der daraufhin durchgeführten Asbestsanierungen mussten viele Schüler die Schule wechseln und einen längeren Schulweg auf sich nehmen. Dabei verunglückten über 300 von ihnen tödlich.

Um es noch einmal zu betonen: Grenzwerte sind ein wichtiges mathematisches Instrument. Und zwar in den Händen von Wissenschaftlern, die einschätzen können, was die jeweiligen Grenzwerte wirklich aussagen. In den Händen von Politikern und Journalisten werden sie leider oftmals in zu hohen Dosen verwendet.