Der Nobelpreisträger Richard Feynman war neben seiner wissenschaftlichen Brillanz ein extrem witziger und mitreißender Wissensvermittler. Sein Credo lautete: „Mathematik ist wie Sex. Manchmal kommt etwas Sinnvolles dabei raus, das ist aber nicht der Grund, warum wir es tun.“

Wer bei der Wissenschaft nach dem unmittelbaren Nutzen fragt, kann ziemlich sicher sein, dass er vergebens forscht. Als man vor 100 Jahren die Quantenmechanik entwickelte, hatte man keinerlei Vorstellung davon, was man jemals damit würde anfangen können. Heute gäbe es ohne dieses Wissen kein Mobiltelefon, keinen mp3-Player und keine Playstation. Okay, viele Eltern wären darüber nicht unbedingt traurig.

Die Aufgabe eines guten Wissenschaftlers ist es, unorthodoxe Fragen zu stellen: Wieso wird es nachts dunkel? Warum läuft Zeit immer in eine Richtung? Ist ein Lichtjahr die Stromrechnung für zwölf Monate?

Auch Richard Feynman stellte mit Vorliebe ungewöhnliche Fragen. In den 60er-Jahren bemerkte er beim Kochen, dass harte Spaghetti häufig in drei oder vier, niemals jedoch in zwei Teile zerbrachen. Das Rätsel galt jahrelang in Insiderkreisen als „Feynman’s Spaghetti Mystery“. Erst 40 Jahre später wurde das Geheimnis von zwei französischen Physikern gelüftet. Mit Hilfe einer Hochgeschwindigkeitskamera, die 1000 Bilder pro Sekunde machte, untersuchten sie das Bruchverhalten und erkannten Faszinierendes: Spaghetti haben ein heißblütiges, mediterranes Temperament und zeigen nach dem ersten Bruch Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung!

Verbiegt man die Nudel über ihre Biegegrenze, so bricht sie ganz normal an einer Stelle. Die beiden Bruchstücke entspannen sich jedoch nicht, wie man das beispielsweise bei Holz kennt. Ganz im Gegenteil: Die Hochgeschwindigkeitsaufnahmen zeigten, dass in den einzelnen Nudelstücken elastische Biegewellen mit unterschiedlichsten Wellenlängen entlang der beiden Hälften ausgelöst werden. Die Biegewellen rasen mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 Metern pro Sekunde entlang der zylinderförmigen Nudel herunter, werden am Nudelende reflektiert und schwingen zurück. Und das ist für jede halbwegs normale Nudel zu viel. Durch das schnelle Zurückflitschen bricht sie abermals. Besonders gerne an den winzigen Unregelmäßigkeiten im harten Pastateig.

Die beiden Franzosen Basile Audoly und Sébastien Neukirch veröffentlichen ihr spektakuläres Ergebnis in der renommierten Fachzeitschrift Physical Review Letters. Und sie wurden belohnt. Die Erforschung dieses Phänomens löste in der wissenschaftlichen Welt eine solche Euphorie aus, dass man den beiden 2006 sogar den Ig-Nobelpreis verlieh.

Ig steht hierbei für „ignoble“, was so viel heißt wie „seltsam“ oder „sinnlos“. Ausgezeichnet werden mit dem Ig-Nobelpreis seit 1991 obskure wissenschaftliche Arbeiten. Echte Nobelpreisträger unterstützen die Jury, einfach, weil sie Freude an skurriler, humorvoller Forschung haben. Doch der Ig-Nobelpreis ist weit mehr als sinnlose Zeitvergeudung oder gar Verschwendung von Steuergeldern. Dieser Preis zollt der Wissenschaft Lob und Respekt. Denn das meiste, was wir heute als große Entdeckungen bezeichnen, wurde ausgepfiffen und mit Hohn und Spott überschüttet, als es neu war. Zwar ist das Spaghetti-Problem inzwischen geklärt, doch an weiteren interessanten Fragestellungen herrscht kein Mangel: Warum rollt eine fallengelassene Münze immer unter den geographischen Mittelpunkt des Schrankes? Kann man mit Hilfe von Infrarot-Spektroskopie wirklich Äpfel mit Birnen vergleichen? Existiert eine reelle Möglichkeit, Rolltreppenhandläufe herzustellen, die genauso schnell laufen, wie die Rolltreppe selbst? …