Keine Frage – den Teilnehmern an der 2. Europameisterschaft im Kopfrechnen für Kinder und Jugendliche (Zürich, 04.05.-07.05.2016) ist dieser Spaß und diese Freude niemals abhandengekommen (oder sie haben ihn wiedergefunden). Von diesem großartigen Event und seinen großartigen Teilnehmern berichte ich gleich … doch lasst mich zunächst kurz ausholen …

Natürlich freue ich mich als rechenbegeisterter Zahlenfan über die rege Teilnahme (40 Kinder und Jugendliche aus 9 Nationen) und der sprühenden Begeisterung, mit der die Teilnehmer und Teilnehmerinnen (jawohl, es waren auch Mädchen dabei!) zur EM nach Zürich kamen. Gleichzeitig erfreue ich mich als Pädagoge und Psychologe aber auch daran, wie es diese Kinder und Jugendlichen geschafft haben, sich ihre Liebe zu ihrem Interessengebiet zu bewahren und sie zu pflegen – eine Fähigkeit, die vielen Kindern verlorengeht. Erinnern wir uns an die ersten vier Klassen – an den Zahlenraum bis 100, an das kleine und später auch an das große Einmaleins … und an unsere kindliche Freude an der Wettbewerbssituation, wenn es allwöchentlich hieß: „Wer wird Rechenkönig?“. Jeweils die Banknachbarn traten gegeneinander an, eine Rechenaufgabe im Kopf zu lösen, dann immer der Gewinner gegen einen anderen – bis am Ende nur noch ein Schüler übrigblieb. Dieser wurde dann für diese Woche Rechenkönig, durfte sich vor Stolz strahlend die Pappkrone aufsetzen und bekam eventuell sogar noch ein Sternchen oder Fleißbienchen ins Klassenbuch eingetragen.

Irgendwann fand diese Begeisterung für viele ein jähes Ende und der Spaß am Wettbewerb verschwand. Warum eigentlich? Und wann? Kann man gegensteuern? Viele Studien in der Kinderpädagogik und –psychologie befassen sich mit diesem komplexen Thema und auch in meiner Praxis bin ich oft mit diesen Fragen konfrontiert und stehe beratend zur Seite.

Doch genug davon … lasst uns jetzt …

3 Europameister bei der Arbeit

beobachten.

Natürlich standen zu Beginn unseres 4-tägigen Events die Meister (jeweils einer in drei Altersklassen) noch nicht fest, daher betrachten wir 40 potentielle Europameister bei ihren Vorbereitungen.

Der Anreisetag ist bei derartigen Veranstaltungen der quirligste von allen. Die Kinder reisen voller Vorfreude an. Nicht nur wegen der bevorstehenden Europameisterschaft sind sie positiv aufgeregt – sondern auch, weil sie bestimmt einige Gleichgesinnte wiedersehen, die sie schon bei früheren Veranstaltungen kennengelernt haben und mit denen sie trefflich über ihre Leidenschaft fachsimpeln können – über ein Thema, über das sie sich in ihrem Klassenverbund weniger gut austauschen können. (Wer gilt in der Schule schon gerne als der Streber, der sich in seiner Freizeit mit schulischen Themen befasst? Und dann gar mit der „furchtbar schwierigen“ Mathematik?). Genau dieses einte auch die diesjährigen Teilnehmer. Sie benötigten nur wenig Zeit zum „Warm-werden“, sie setzten ihre Fachsimpeleien einfach dort fort, wo sie zwei Jahre zuvor aufgehört haben und auch die Neuen waren in ihrem Kreis herzlich willkommen. Trotzdem mussten wir dieses Idyll stören, denn am ersten Tag stand am späten Nachmittag der Vortest an. Klingt schrecklich – ist aber nicht schlimm, dauerte auch nur 1800 Sekunden. Er diente lediglich dazu, dass ich mir einen Überblick verschaffen konnte, was die einzelnen Teilnehmer schon können und was nicht. Schließlich sind sie zwischen 8 und 17 Jahre alt und brachten natürlich unterschiedliche Kenntnisse mit. Nach der Auswertung teilten wir die Kinder nach ihrem Kenntnisstand in zwei Gruppen ein. Das hatte keine Auswirkung auf den Erfolg in der eigentlichen Europameisterschaft (dort bekommen alle die gleichen Fragen), aber auf meine Schwerpunktsetzung in den Workshops, welche der Meisterschaft an zwei Tagen vorgeschaltet waren.

Dank des Einsatzes des EHK (Elternverein hochbegabter Kinder), der nach der ersten Europameisterschaft (2014 in Luzern) nun auch das diesjährige Event organisierte und durch die räumlichen und personellen Mittel der Talentia School Zug sowie der Swiss International School Zürich war ein professionelles Team vor Ort, welches für einen reibungslosen Ablauf und ein für tolles Programm sorgte. An zwei Tagen habe ich die Kinder in den beiden Workshops auf die bevorstehende Meisterschaft vorbereitet. Zeitgleich zu den Workshops fand für die jeweils andere Gruppe ein interessantes Rahmenprogramm statt. Am ersten Tag besuchten sie den  Erdbebensimulator an der ETH Zürich. Am zweiten Tag nahmen sie am Neurokurs „Fokus Gehirn“ teil, der vom Lifescience Learningcenter mit einem mobilen Labor durchgeführt wurde – schließlich will man als potentieller Kopfrecheneuropameister ja wissen, ob und wo genau sich die mathematische Kompetenz im Kopf lokalisieren lässt. (Und es konnte mit dem Vorurteil aufgeräumt werden, dass man nur entweder mathematisch ODER sprachlich begabt sein kann.)

Währenddessen gab es auch für die Eltern Gelegenheit zum Austausch untereinander und mit Spezialisten. Das Elterncafé wurde von einer Kinderpsychologin und einer Kinderpsychiaterin geleitet und stieß auf großes Interesse. Zu Gast war auch eine Mathematikstudentin aus einem höheren Semester, die von ihrer Liebe zur Mathematik berichtete und darüber, was diese Leidenschaft für sie bedeutet und schon als Kind bedeutet hat.

Die Abende waren zur freien Verfügung der Teilnehmer und der Erholung vor so viel Zahlen gedacht, aber seltsamerweise sah man sie in der Jugendherberge bis spät abends in kleinen Grüppchen zusammensitzen und Rechenwege diskutieren. Dazu muss man sagen, dass sie gerne ihre eigenen Lösungswege finden dürfen und sollen – das fördert das eigenständige Denken und macht Spaß.

Nun, da wollte ich doch nicht nachstehen und beschäftigte mich ebenfalls mit meinen Zahlenlieblingen. Durch die hervorragende Organisation des EHK waren für mich nämlich auch zwei besondere Programmpunkte vorgesehen, ich sollte in Abendveranstaltungen zwei Weltrekorde aufstellen. Beide im – wie soll es anders sein – Wurzelziehen, meiner Lieblingsdisziplin! Einmal habe ich aus einer einmillionstelligen Zahl die 89.247ste Wurzel gezogen und der andere Rekord verlangte, anhand des Ergebnisses so schnell wie möglich herauszufinden, welche vierstellige Zahl kubiert wurde – das Ganze auf Zeit und dabei zehn Aufgaben hintereinander. Gut, beides hat prima geklappt, aber wer mal nachrechnen möchte, kann das hier auf den Seiten der Talentia School Zug tun.

Nachdem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Workshops sich ebenfalls mit Wurzeln befasst hatten, daneben auch mit Wochentagsberechnung, Währungsumrechnung, Primfaktoren, Brüchen und noch verschiedenen weiteren kleineren und größeren mathematischen Gemeinheiten, war nun am Samstag die Stunde der Wahrheit gekommen. Wer würde Europameister 2016 werden?

Die Spannung war groß, denn mit der Nennung eines einzelnen Europameisters war es nicht getan, schließlich gab es drei Altersklassen und somit auch drei Europameister – in jeder Klasse einen. Und damit nicht genug: Es gab auch noch einen Preis für den Teilnehmer mit der besten Performance – also für denjenigen, der sich im Vergleich zum Vortest prozentual am meisten verbessert hatte.

Was aber jeder mit nach Hause genommen hat, war der Spaß an der Veranstaltung.

Und um auf die Eingangsfrage zurückzukommen „darf Wettbewerb Spaß machen?“…. JA, UNBEDINGT! Der Spaß daran ist die Grundlage für eine erfolgreiche Teilnahme und zwar egal, ob man diesen gewinnt oder nicht. Erfolgreich ist jeder, der zu seinen Talenten steht und glücklich wird er dadurch, dass er sich mit Gleichgesinnten über diese Talente austauschen kann. Ich kann Euch nur ans Herz legen: Wenn Ihr die Leidenschaft für Zahlen teilt, dann lasst Euch die Wettbewerbe nicht entgehen und meldet Euch einfach mal an. In diesem Sinne: Auf die Zahlen, fertig, los!