Denkmodelle im Wettkampf – das ist strategisches Spielen.
Solide Spieler wissen, welcher Spielzug situativ jeweils den höchsten Wert birgt.
Bessere Spieler unterstellen solches Wissen ihren Gegnern und antizipieren dadurch deren Spielzüge.
Sehr gute Spieler schließen nicht nur von sich auf andere – sie akzeptieren jedes augenscheinliche Denkmodell und reagieren entsprechend darauf. Nur weil ein Spielzug rechnerisch unsinnig ist, heißt das noch lange nicht, dass ihn ein Gegner nicht trotzdem anwenden könnte.

Sehr gut zu spielen bedeutet somit, nicht nur die eigene Wahrheit, sondern auch viele andere mögliche Sichtweisen zu erfassen und gemäß deren innewohnender „Logik“ zu reagieren. Mancher Gegner spielt irrational, doch aus seiner eigenen Perspektive – und nur aus dieser – handelt er durchaus schlüssig. Es ist höchste Kunst, solche fremden Gedanken so zuzulassen, dass sie nicht mehr überraschend sind. Sobald dieser Schritt getan ist, fällt der einzige Vorteil eines irrationalen Spielers in sich zusammen: ohne Überraschungseffekt ist ein unterlegener Spielzug nur mehr eines – unterlegen.

Um ein wahrer Gewinner zu sein, musste ich lernen, dass alles seine Grenzen hat – selbst Mathematik und Logik. Ein rechnerisch unterlegener Spielzug wird im Spiel nur dann zur echten Gefahr, wenn er so sehr überrascht, dass der eigentlich bessere Spieler aufgrund der sturen „Beharrlichkeit auf das Unmögliche“ alles verliert. Es kann durchaus mal etwas geschehen, was an sich nicht geschehen darf. Dieser Gedanke hat mich auch im Alltag vorangebracht.

So interessiere ich mich als Familienvater besonders für Werte, die unsere Jugend vermittelt bekommt.  Deshalb habe ich – analog der eben beschriebenen Aussagen – die Entscheidung getroffen, ein sehr erfolgreiches Handyspiel selbst zu spielen. Ich will mitreden – oder zumindest mitdenken – können. Ich will wissen, was Sache ist.

Nun spiele ich also Supercells „Clash of Clans“. Es ist kostenlos und auch sonst „barrierefrei“. Ohne irgendwelche Hürden starte ich direkt ins Spiel und baue die ersten Gebäude meines Dorfes. Es gibt ein Rathaus, um das ein paar Dorfbewohner wuseln. Man baut Rohstoffe ab. Diese nutzt man, um weitere Gebäude zu bauen oder bestehende zu verbessern. Die Arbeiten führen Bauarbeiter in Echtzeit aus. Zu Beginn dauert die Errichtung eines neuen Gebäudes nur ein paar Sekunden und man fragt sich, warum man wohl Ressourcen zur Beschleunigung der Fertigstellung einsetzen sollte. Die gleiche Frage stellt man sich bezüglich des Militärs: Warum soll ich jemanden angreifen? Es gedeiht doch alles fröhlich vor sich hin! Selbst gegnerische Angriffe reizen mich nicht zum Gegenschlag. Es sollte doch genügen, in die eigene Verteidigung zu investieren.

Schnell begreift man die Struktur des Spiels. Das Dorf wächst, die Wartezeiten für neue Bauabschnitte gehen von Minuten in Stunden über. Und es entstehen Wünsche! Das ist interessant – bis eben war doch noch alles gut. Ich war zufrieden. Dann hatte ich mehr und wollte noch mehr. Viel mehr! Meine Entwicklung und mein Konsum erzeugten keine Zufriedenheit, sondern sogar ihren Verlust! Und ich werde plötzlich zornig, wenn ein Gegner auftaucht, mein Dorf überfällt und mir etwas wegnimmt. Etwas, das ich vor kurzem noch gar nicht hatte, mir nicht mal aktiv gewünscht hätte! Dennoch empfinde ich nun Verlust und Schmerz, wenn es geraubt wird. So achte ich mehr und mehr auf meine Rohstoffe. Ich werde vom Bauern zum Banker. Schlimm genug, dass das in den Ohren unserer Gesellschaft wie ein Aufstieg klingt.

Gold für Gebäude und Verteidigungsanlagen. „Elixier“ für Truppen. Ja, Truppen. Es ist einfach viel leichter, seinen konkreten Wunsch per direktem Angriff sofort zu befriedigen, als zu warten, bis die eigenen Minen, den benötigten Kontostand erwirtschaften. Ein kalkulierter Angriff also. Ich habe gelernt, wie hier gespielt wird. Wenn ich mit einem Angriff mehr erbeute, als die eingesetzten Truppen kosten, so bringe ich meine Gemeinschaft voran. Immer leichter fällt man ein. Schnell macht man sich diese Kriegslegitimation zur Gewohnheit. Darin sehe ich tatsächlich die gesellschaftliche Gefahr. Das Spiel bildet nüchterne Egoisten aus. Es belohnt kalte Berechnung und Kalkül. Ich kann und will es nicht verteufeln. Ich bin Pokerspieler. Ich bin Mathematiker. Ich kann (wett-)kämpfen und ich kann rechnen. Wichtig ist mir dabei aber nie zu vergessen, dass ich mit erobertem Gut nichts erschaffe. Ich nehme einem anderen etwas weg, was ich selbst haben möchte – und ich bin in der Lage, es zu erzwingen.

Auf meinem Weg in die Tiefe des Spielgeschehens büßt das Spiel nichts an Faszination ein. Will ich vorankommen, muss ich mehr und mehr Faktoren berücksichtigen, multifaktorielle Entscheidungen treffen, abwägen, timen. Im Angriff muss ich Geschick und Übersicht beweisen, in der Defensive dem Gegner Fallen und Rätsel stellen. Ich bin nun ein Stratege – ein finanziell motivierter Militärstratege – und blicke aus meiner goldenen Stadt verächtlich in die Dörfer der Einsteiger hinab. Dabei war ich nie zufriedener als zu Zeiten windschiefer Lattenzäune.

In meinem selbstbezogenen Fazit halte ich das Spiel für ein sehr gelungenes Modell vieler Wahrheiten und Zusammenhänge. Dosiert und bewusst gespielt, schult es wichtige Erfolgsfaktoren und Denkmuster, insbesondere fördert es Fragestellungen hinsichtlich der Optimierung. Man kann sich aber auch verrennen – und auch das ist eine sehr realistische Parallele zu realen Verlockungen.

Die Grundsätze, denen ich treu geblieben bin, lauten: Ich spiele unter meinem Klarnamen, denn ich möchte auch im Spiel zu meinen Entscheidungen stehen. Ich schließe mich keiner Clan-Gemeinschaft an, denn ich möchte nicht unter „sozialem Termindruck“ stehen. Ich investiere kein echtes Geld in das Spiel, denn damit würde ich wohl eine weitere „Büchse der Pandora“ öffnen, welche mich nur ehrgeiziger und gieriger, keinesfalls aber glücklicher oder zufriedener machen würde.

Abschließend stellt sich die Frage, welches persönliche Fazit ich in Sachen „Wertevermittlung für die Jugend“ ziehe. Ich schlussfolgere: Die strategischen Elemente eines Spiels entwickeln sich erst dann, wenn ich den Ehrgeiz verspüre, ein „Gewinner“ zu sein. Erst dann, wenn aus dem Spielverlauf heraus entstandene Wünsche nicht mehr per „Spaß an der Sache“ erreicht werden können, beginne ich, Pläne zu entwickeln, die mich an mein Ziel bringen.

Im Spiel lerne ich in einer risikoarmen „Testumgebung“: Was will ich erreichen und wie komme ich dort hin? Welche Investition, welcher Einsatz bringt mir welchen Ertrag? Strebe ich danach, die Position des „Herabblickenden Bankers“ einzunehmen oder widerstehe ich allen fremderzeugten Wünschen und lebe ich mit meiner schlichten aber glücklichen Situation als „Bauer“ zufriedener? Es kann durchaus bereichernd sein, die spielerische Herangehensweise an das „echte Leben“ mittels solcher Simulationen zu fördern und dabei aber wachsam im Auge zu behalten. Die Erkenntnisse daraus geben nützliche Hinweise auf eine mögliche künftige Entwicklung.