„Bienen können rechnen“ meldete Spiegel online am 11. Februar 2019 und berichtete von Untersuchungen französischer und australischer Forscher. Demnach sei es möglich, den Honiglieferanten einfache Addition und Subtraktion beizubringen. Der Artikel beschreibt das Experiment so: „Eine Biene sieht zu Beginn zwei oder drei Quadrate. Sind diese gelb, heißt das: ein Quadrat abziehen. Sind sie blau, muss die Biene ein Quadrat hinzurechnen. Blau steht also für Addition, Gelb für Subtraktion. Für die richtige Lösung entscheiden kann sich die Biene, indem sie durch jenes Loch in der Wand fliegt, welches mit der korrekten Anzahl an Quadraten gekennzeichnet ist. Liegt sie richtig, bekommt die Biene zur Belohnung eine Zuckerlösung verabreicht. Fliegt sie falsch, gibt es eine bitter schmeckende Variante.-…Nach hundert Versuchen lagen die Insekten im Durchschnitt fast doppelt so oft richtig wie zu Beginn.“ Hmmh …

Können Tiere wirklich rechnen? Um 1900 sorgte der „Kluge Hans“ für Furore. Ein Pferd, das fast immer die richtige Antwort auf Rechenaufgaben mit dem Huf auf den Boden klopfte. Egal, von wem die Fragen gestellt wurden. Die Desillusionierung erfolgte aber schnell durch den Berliner Psychologieprofessor Oskar Pfungst Er stellte fest, dass der Gaul lediglich ein perfekter Beobachter war und darauf reagierte, wenn sein menschliches Gegenüber den Kopf senkte um die Bewegung seiner Hufe zu zählen und unweigerlich den Kopf hob, wenn das richtige Ergebnis erreicht worden war. Manchmal antwortete Hans schließlich sogar ohne Fragestellung. Also nichts mit tierischer Mathematik!

Dennoch gibt es nachweisbar bestimmte Rechenfähigkeiten bei Tieren. Bei frei lebenden Schimpansen kann man beobachten, dass Eindringlinge anderer Gruppen nur angegriffen werden, wenn sich mindestens drei ausgewachsene Männchen zur Verteidigung zusammen tun. Schimpansen sind außerdem in der Lage, einen halben von einem dreiviertel Apfel zu unterscheiden und können diese Menge sogar auf einen anderen Gegenstand übertragen. Die Primaten erkennen, dass ein halber Apfel genauso viel ist wie ein halbvolles Glas.

Dem Duke Lemur Center der Duke University in South Carolina ist es gelungen, bei Lemuren ein gewisses mathematisches Grundverständnis nachzuweisen. Lemuren sind eine Primatenart – den Affen und den Menschen verwandt. In dem Center konnte man zeigen, dass diese aus Madagaskar stammenden Tiere in einem Computerspiel per Touchscreen Mengen instinktiv vergleichen können und hervorragende Leistung vollbringen. Einem der Lemuren, Terry genannt, zeigte man zwei Quadrate mit Objekten in verschiedener Anzahl. Wenn Terry das Quadrat mit der größeren Anzahl an Objekten auswählte, bekam er eine Belohnung. Diese Tests wurden tausendfach gemacht. Bei den unzähligen Tests wurden schließlich Größe, Farbe und Form der Objekte ständig verändert. Dabei wurde darauf geachtet, dass es keine weiteren Informationen und Merkmale für die Lemuren gab. Als Ergebnis des Versuches wird der eindeutige Beweis angeführt, dass Lemuren Mengen unterscheiden können.

Andere Untersuchungen haben ergeben, dass auch Löwinnen – ähnlich den Schimpansen – ihr Rudel erst dann verteidigen, wenn die Zahl der Verteidigerinnen größer ist als die der Angreifer. Echsen sind offensichtlich in der Lage, zwischen zwei verschiedenen Gruppen von Beutetieren zu unterscheiden. Sie entschieden sich bei Versuchen immer für die Gruppe mit der größeren Zahl. Ein wichtiger Faktor für die Überlebensstrategie.

Schließlich weiß man auch von Hunden, dass sie zu verschiedenen „Rechenleistungen“ fähig sind. Allerdings ist dies oft jedoch ein Erlernen von bestimmten eingeübten Fähigkeiten, die „häufig mit kleinen Tricks verbunden sind“, sagt der bekannte Hundetrainer Martin Rütter.

Und Vögel? Neuseeländische Forscher der University of Otago bewiesen 2011 in einer Studie, dass bestimmte Vögel Bilder nach der Anzahl der darauf abgebildeten Symbole ordnen können. Der Graupapagei Alex der US-amerikanischen Wissenschaftlerin Irene Pepperberg etwa erlangte wegen seiner mathematischen Fähigkeit sogar weltweite Berühmtheit. Laut seiner Besitzerin konnte der Vogel bis 6 zählen und nicht nur Objekte, sondern auch Ziffern addieren.

Auch mit Fischen hat man geforscht und erstaunliche Ergebnisse erzielt. In einem Experiment der Universität Padua wurden zehn der geselligen Kobold-Kärpflinge in einen Wassertank gegeben. Eine von zwei möglichen Türen gab den Weg zu einem größeren Tank mit ihren Artgenossen frei. Nur wenn sie durch die Tür mit der richtigen Anzahl von Symbolen schwammen, gelangten sie zurück zu ihrem Schwarm. Die Anzahl der Symbole war zwar immer gleich, doch sie unterschieden sich jedes Mal in Form, Größe, Helligkeit und Abstand. Der Zufall sollte damit ausgeschlossen werden und es zeigte sich, dass die Kobolde unbeirrt immer durch die richtige Tür schwammen. Untersucht wurde dann auch, wie groß die Differenz zwischen zwei Schwärmen sein muss, um von einem Fisch noch unterschieden werden zu können. Laut der italienischen Studie können die Tiere Verhältnisse von 2:4, 3:4, 4:8 und 8:16 unterscheiden, nicht jedoch von 4:5.

Delphine wiederum gelten generell als sehr intelligente Tiere. Dies wurde auf vielen Gebieten nachgewiesen. Zeigen konnte man zudem, dass sie sehr komplizierte Mengen unterscheiden können und sogar bei Test nicht nur mit „ja“ oder „nein“ „antworten“ konnten, sondern auch mit „ich weiß nicht“.

„In der Evolution haben sich Tiere an bestimmte Umgebungen angepasst, dabei haben sich auch ihre Körperform, ihr Verhalten und entsprechende Sinnesleistungen entwickelt. Diese genetisch fixierten biologischen Eigenschaften machen die tierartlichen Unterschiede aus. Dabei entstanden sehr wohl bei sozial lebenden Tierarten Strategien, gemeinsam zu jagen oder sich gegen einen Räuber zu wehren. Daraus sehen wir, dass Tiere durchaus zu mehr in der Lage sind als nur zur Reaktion auf Reize. Sie können lernen, sich mit Artgenossen und der Umwelt auseinanderzusetzen“, sagt Josef Troxler, Leiter des Instituts für Tierhaltung und Tierschutz der Vetmeduni Wien.

Ob bei aller Intelligenz und diversen Möglichkeiten der Unterscheidung und Mengeneinschätzung aber Tiere wirklich rechnen können, bleibt dahin gestellt. Alle erwähnten Forschungen haben zwar erstaunliche und bemerkenswerte Ergebnisse ergeben. Sicher ist jedoch, dass noch kein Tier entdeckt wurde, das tatsächlich Mathematiker ist.