„Das ganze Leben ist ein Spiel. Und wir sind nur die Kandidaten!“

Meine Welt ist der Pokertisch. Nichts hat mich mehr über unsere große blaue Kugel und ihre Bewohner gelehrt, als dieser befilzte Mikrokosmos. Maximal 10 Akteure, 52 Stück bemalter Kartonage und etwas schillerndes Plastik genügen, um in Bahnen weniger Regeln einen lebendigen Markplatz entstehen zu lassen. Es wird spekuliert, taxiert, hofiert und auch gedroht. Manch einer wähnt sich obenauf, ein anderer ganz tief im Loch. Neues Blatt – und schon ist wieder alles ganz anders.

Was ist Zufall, was Geschick? Wer lässt sich treiben und wo gibt es Hebel?

Zentrale Entscheidungen im Leben durfte ich treffen, nachdem ich zigtausende Leben am Pokertisch durchlaufen hatte. In dieser Simulation habe ich weitaus mehr Leben als jede Katze, kann schneller wieder auferstehen als Jesus. Damit ist es im Modell möglich, mit der Zeit den wahren Wert einer jeden Entscheidung per Iteration auszuloten.

Am Pokertisch bin ich immer wieder mal „All In“. Habe ich dabei etwa im Schnitt 60% equity (also Gewinnwahrscheinlichkeit), so ergibt sich etwa folgender Hebel:

Ich habe z.B. 1.000 investiert und mein verbliebener Gegner auch.

Damit liegt der Pot bei mindestens 2.000.

(Sind zusätzliche „Kleinbeträge“ von weiteren – inzwischen nicht mehr aktiven Spielern – eingeflossen, so ist der Pot entsprechend größer …)

Diesen Pot gewinne ich nun konkret entweder als Ganzes oder ich verliere meinen kompletten Einsatz. So läuft die Welt. Ich bin der große Sieger mit entsprechendem Image oder aber in den Augen meiner Umwelt ein „Loser“ sowie entsprechend ärmer. Unsere Gesellschaft ist ergebnisgläubig. Wir laufen den Siegern hinterher und lassen die Verlierer links liegen.

Das ist fatal falsch. Denn nicht das Ergebnis, sprich 2.000 oder nix können wir steuern, sondern unsere Entscheidung.

Halte ich die vorteilhafte Position mit 60% Gewinnwahrscheinlichkeit oder die unterlegene mit 40%? Dabei sympathisiere ich ziemlich offensichtlich mit denen, die in der Lage sind, mehrheitlich Favoriten-Szenarien zu generieren.

Am Pokertisch wie auch im echten Leben kann man nicht entscheiden, wann genau man gewinnt. Man kann es nur begünstigen.

Niederlagen – die kann man erzwingen! Ich kann mein Poker- oder mein reales Leben binnen Minuten jeglicher Qualität berauben.

Zerstören können wir Menschen gut. Darin sind wir effizient. Aber etwas schaffen … etwas mit Sicherheit kreieren … das haben wir nur selten tatsächlich in der Hand.

So müssen wir jeden Tag „Nein“ sagen zur Selbstaufgabe und „Ja“ zum Mut, sich an der übermenschlichen Aufgabe zu versuchen.

Und wann immer wieder mal etwas gelingt, dürfen wir nicht anfangen zu glauben, wir könnten es nun stabilisieren.

Nein. Glück wird immer flüchtig sein. Darum ist es Glück. Wahre Gewinner begünstigen es und freuen sich demütig, wenn es da ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Habe ich nun also alles richtig gemacht, was im oben gezeigten Beispiel in meiner Hand liegen könnte, so halte ich statt realen 1.000 einen Gewinnanspruch von 60% an einem 2.000er Pot. Das entspricht rechnerisch 1.200 und damit 200 mehr als der Istwert ohne Investment. Meine Entscheidung arbeitet also für mich. Und das sogar mit satten 20% „Rendite“ in extrem kurzer Zeit. Genau diese 20% auf derartig getätigte Einsätze werde ich auch langfristig verdienen – egal, ob ich kurzfristig verdopple (+100%) oder aber den Pot gänzlich verliere (-100%).

Das besagt das Gesetz der großen Zahlen. Die relative Häufigkeit konvergiert gegen die vorliegende Wahrscheinlichkeit. Sprich: Darf ich das Beispiel 100-mal spielen, so werde ich annähernd 60 Pötte gewinnen und somit 20% Verzinsung auf mein Investment von 100×1.000 erhalten.

Wer also in der Lage ist, nachhaltig „PlusEV-Entscheidungen“ zu treffen, der gewinnt sicher. Im Modell des Spiels wie auch real als Mensch.

Das echte Leben aber, die wirklich großen Entscheidungen, die können wir nicht nachhaltig treffen. Sie sind für uns Erdlinge einmalig. Genau deshalb ist manches schlichtweg unfair auf dieser Welt. Denn ganz konkret kommt es im Einzelfall halt doch aufs Glück an.

Das heißt aber nicht, dass „eh alles wurscht“ ist. Nein. Ganz im Gegenteil! Im Mathematikunterricht und später am Pokertisch habe ich gelernt, meine Hausaufgaben zu machen. Ich weiß sehr häufig sehr genau, wann ich 60% und wann ich nur 40% habe. Und ich habe auch gelernt zu beurteilen, ob ich eine Entscheidung suchen oder sie lieber meiden sollte! Es stellt sich ja nicht nur die Frage, auf welcher Seite des All Ins ich stehe, sondern auch in welcher Häufigkeit und mit welchem Motiv ich All In gehe.

Wer lebt wie Gott in Frankreich, der hat auch den entsprechenden Druck, diesen Stil zu halten. Entsprechend hart hat er zu kämpfen und entsprechend hoch ist seine All In-Rate. Tragisch, wessen Glück im „immer mehr“ liegt, denn mit 60:40 kommt man da nicht weit.

Ich empfehle Respekt vor jeder Entscheidung. Ich empfehle zu tun, was eben nötig ist. Mut zur Tat und gleichzeitig Demut bezüglich der eigenen Fehlbarkeit – ja: Sterblichkeit. Das ist es, was ich lernen durfte. In der Schule wie im Spiel des Lebens.