Was für ein Wort! Als attraktive Überschrift ist es gänzlich ungeeignet. Es ist sperrig und dazu noch in sich zerrissen und voller Widerspruch: Reisen – darauf freut man sich. Da blickt man nach vorn. Da will man doch nicht rücktreten! Reisen – das ist Freiheit. Abenteuer. Und auch Risiko. Etwas derartiges zu versichern, sterilisiert das Erlebnis ebenso, wie die Wahl der Klimaanlage anstatt des offenen Fensters.

Aber was soll’s? Es gibt sie und sie ist ja nicht von sich aus böse. Sie stellt eine Option dar, ist kein Muss. Man darf sich für sie entscheiden. Oder eben auch dagegen.

Gutes Entscheiden ist also mal wieder mein Thema.
Heute möchte ich an einem äußerst praktischen Beispiel zeigen, wie man kurz und knapp so eine Situation abwägen darf, sich dann entscheidet, um anschließend – und das ist das Wichtigste – mit der eigenen Wahl zufrieden zu sein.
Die Entscheidung wird nicht mehr besser oder schlechter, ganz unabhängig davon ob man die Police nun abschließt oder nicht und ob letztlich ein Versicherungsfall eintreten wird. Man hat zum Zeitpunkt der Entscheidung, als die Zukunft noch ungewiss war, die beste Wahl getroffen. So denke ich als Mathematiker, so denke ich als Pokerspieler. So handle ich als Mensch.

In diesem heutigen konkreten Fall wird uns eine Versicherung für ca. 150,- € angeboten, um ohne Selbstbeteiligung eine Reise im Wert von ca. 4.500 € zu versichern.
Das Verhältnis dieser Zahlen zeigt, dass ich also zunächst abzuwägen habe, ob ich glaube, dass wir – aus jetziger Sicht – öfter oder weniger oft als jedes 30. Mal nicht antreten könnten.
Denn würde sich der Lauf der Dinge andauernd wiederholen und würde ich stets versichern, so „verlöre“ ich mit jeder angetretenen Reise 150,- € und „gewönne“ im Krankheitsfall 4.500,- €.
Damit ist klar, dass sich für Leute, die etwa jedes 20. Mal absagen, die Versicherung rentiert, denn 4.500 ist größer als 20 x 150.
Ebenso klar ist, dass es für planungssichere Leute, die etwa nur jedes 40. Mal absagen müssen, besser ist, nicht zu versichern – denn 4.500 ist kleiner als 40 x 150.

Man sieht direkt, wie verquer die Situation ist und erkennt damit auch, warum mir so eine Versicherung unsympathisch ist.
Ich mag bei dem Gedanken an Urlaub nicht über solches sinnieren – und schon gar nicht so eine Diskussion in die Familie oder ins Reisebüro tragen.

Also norde ich die nüchterne Kalkulation ins emotionale Gefüge ein:
Die Situation ist ganz klar unklar. Und auch das ist ein mögliches und dabei hilfreiches Ergebnis einer Rechnung!
Hätte die Rechnung ergeben, dass sich die Versicherung erst „lohnt“, wenn man öfter als etwa jedes 10. Mal absagt, so wäre mir direkt klar gewesen, dass sie zu teuer ist – und ich hätte ohne Weiteres ablehnen können.
Hätte die Rechnung ergeben, dass sie sich selbst dann lohnt, wenn wir nur jedes 100. Mal absagen, dann hätte sich eine leichte Kaufentscheidung ergeben.

Die alleinige Erkenntnis, dass die kalkulatorische Ampel nun meines Erachtens nach weder klar auf rot, noch klar auf grün steht, macht die Rechnung keineswegs sinnfrei, denn ich weiß, dass ich wohl nicht viel falsch machen kann. Es wird sich in der Erwartung nicht viel nehmen. Das befreit, wenn man das erst einmal wirklich tief verstanden hat.
Und dafür braucht es Übung. Man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass man nicht gleich an allem zweifelt, nur weil mal etwas kaputt ging, was nicht versichert war.
Die vielen Dinge, die alle unversicherterweise heil blieben, sind tägliche Gewinne, denn man hat dafür nie Prämien bezahlt! Das 100%ige Gefühl der Sicherheit ist nicht bezahlbar.

Da unsere Familie mehrheitlich – also alle außer mir – so tickt, dass man sich wohl fühlt, wenn man versichert ist, schließe ich die Versicherung also ab.
Eine Ehrenrunde drehe ich aber trotzdem und frage, welche Konditionen denn die Variante mit Selbstbeteiligung hat? Das mag zunächst verwundern, denn offenbar ist es kaum gewünscht.
Die Antwort lautet, dass wir bei einer Selbstbeteiligung von 400,- € nur ca. 100,- € Prämie zu bezahlen hätten – anstatt der 150,- € für die Vollversicherung. Folglich kann ich das ursprüngliche Angebot wie folgt übersetzen:

Die 150,- € versichern die 4.500,- €.
Dabei versichern 100,- € alles bis auf die Selbstbeteiligung, sprich 4.100,- €.
Die 50,- € für die Selbstbeteiligung versichern somit nur genau diese 400,- €.

Hier spricht das Ergebnis eine für mich klare Sprache. Ich kaufe mir das Ding mit Selbstbeteiligung und bin glücklich, denn nun haben alle gewonnen:
Die Mathematik hat doch noch ein Ergebnis erwirkt! Unsere Reise ist versichert und doch habe ich ein Stück weit Freiheit und Risiko erhalten dürfen – ohne als Hasardeur gebrandmarkt zu werden.
Und last but not least: Ich denke, der hohe Aufpreis für die Befreiung von jeglicher Selbstbeteiligung hat ein Paar tiefliegend berechtigte Begründungen, die ich beide nicht teile:

1. Zu viele Menschen scheuen die Selbstverantwortung. Sie sichern mit einem vermeintlich kleinen Betrag ab und verhalten sich dann offenbar leider wenig verantwortlich. Ich behaupte, dass im Zweifel – und viele Krankheitsfälle sind uneindeutig – ohne Selbstbeteiligung eher abgesagt wird als mit dieser Variante. Das führt zur Notwendigkeit, die Prämien höher anzusetzen.

2. Fix zu zahlende „kleine“ Beträge werden lieber gekauft, als dass drohende – wenngleich seltene – Belastungen akzeptabel erscheinen. Ohne kalkulatorische Grundlage werden so also offenbar zu gern Beiträge geleistet und dabei wird übersehen, was diese „Investments“ langfristig im Wohl wie Wehe bewirken. Ich unterstelle eine ähnliche Psychologie wie beim Lottospieler: Er sieht nicht die wöchentliche Vernichtung von ein paar wenigen Euros. Er sieht nur die Chance auf das große Los.

Mein Fazit lautet:
Die Mathematik hilft dabei, eine Situation zunächst neutral zu erfassen. So bekommt man ein Gefühl für die Situation und die Sache wird griffig. Sollte sie uneindeutig bleiben, schaltet man weitere weiche Faktoren wie persönliche Einstellungen, die eigene Umgebung oder auch gesellschaftliche Eigenheiten hinzu. Dann trifft man seine Entscheidung – und ist zufrieden damit. Zufriedenheit im Allgemeinen ist doch eh das bessere Glück, denn sie ist von Dauer.