Als Familie reisen wir gern. Sowohl „b.c.“* – als auch heute!

Wir verbrachten Sommerurlaube im ländlichen Frankreich, indem wir in tierischer Begleitung private Unterkünfte erpilgerten. Das war toll – geht aber eben nicht mehr.

Und heute?

Wir fahren nicht erst gut 1.000 Kilometer im Auto, „mieten“ dort einen Esel und begeben uns dann erst auf eine wundervoll geplante Tour raus in die Natur.

Nein, es geht viel einfacher: Von Freunden leihen wir uns ein paar Satteltaschen und beginnen direkt das Regensburger Grundstück verlassend den Fünf-Flüsse-Radweg zu erleben.

Wenige Minuten später sind wir im Urlaub, folgen den dezenten Schildern des Radwanderweges.

Es ist frappierend wie schlecht ich meine eigene Heimat kenne – und das obwohl ich auch heute noch dort wohne, wo ich aufgewachsen bin. Ich erlebe einige pittoreske Dörfer zum ersten Mal und sehe, wie sich mancher Flusslauf, ein Waldabschnitt oder eine Felsformation malerisch offenbart, sobald man sich schlendernd statt rasend bewegt.

Jede Nacht verbringen wir in einem anderen Haus, lernen neue Hygienekonzepte, Menschen und Frühstückslösungen kennen. Nichts ist mehr Standard.

Teils glaube ich, dass sich Nachkriegserfahrungen ähnlich angefühlt haben müssen. Einstige Menschenmagneten erzählen durch viel Raum und Fläche von altem Glanz. Kleine Portionen auf großen Tischen.

Personal steht parat, doch kaum ein Gast ist anwesend. Wir erleben viel Gastlichkeit. Es tut gut, Optimismus und Offenheit in schweren Zeiten zu begegnen.

Vermutlich ist die Art, wie sich alles und jeder in diesen Monaten so schlägt – sei es auf Landesebene, als Ort, als Firma oder Person – ein guter Gradmesser für die jeweilige Entwicklung in den kommenden Jahren.

Wer fokussiert sich auf die Probleme, sucht Fehler oder Schuldige? Und wer packt an, sieht nach vorne und macht das Beste daraus?

Der Umgang mit Risiko, das Entscheiden im Ungewissen, das waren schon immer wichtige Themen – in den heutigen Zeiten weiß man tragisch praktisch warum.

Am Sonntag, unserem vorletzten Tag, durchnässt uns der Regen unaufhörlich bei vielleicht 12 Grad. Hätte ich morgens gewusst, dass es an diesem Tag einfach nie besser werden wird, ich wäre nicht aufs Rad gestiegen, hätte diesen Tag für meine Familie nicht verantwortet.

Gut, dass ich naiv war. Gut, dass wir uns aufgemacht haben. Denn so haben wir geschafft, was man nüchtern entschieden nicht schaffen sollte, weil man es erst gar nicht probieren wollte. Wir haben uns über Jahrzehnte an extrem hohen Komfort und allumfängliche Sicherheit gewöhnt. Das macht es nicht nur angenehm, komfortabel und bequem. Es macht einen auch träge und schwach.

Ich bin dankbar für eine Woche mit meiner Familie, in der wir unsere direkte Umgebung genauso staunend erleben durften, als wäre es Südfrankreich. Eine Woche, in der wir keine Zeit, kein Geld und keine Emissionen verbrauchten, nur um woanders zu sein als da, wo eh alles ist, sobald man die Augen dafür öffnet. Aus Versehen hatten wir nicht nur Spaß und eine gute Zeit, wir haben auch berechtigten Forderungen wie Klimaneutralität und Konsumbewusstsein voll entsprochen ohne dass es uns an irgendetwas fehlte.

Mögen wir uns noch lange daran erinnern und diese gewonnenen Werte beibehalten, auch wenn die Verlockungen wieder größer werden.

 

*“before Corona“