Dass Sie also nicht wirklich Karten spielen, wenn Sie pokern, wissen Sie spätestens seit Teil 1 dieser Beitragsreihe. Jetzt geht es um den Einfluss des Zufalls. Den Glauben an Glück kann und will ich niemandem nehmen. Ich möchte auf einige wichtige Fakten hinweisen, wenn es um die Frage geht, wie viel Glück im Pokerspiel liegt.

Poker ist tatsächlich ein Glücksspiel, wenn Sie es kurzfristig betrachten oder wenn alle Spieler auf gleichem Niveau spielen. Letzteres leuchtet unmittelbar ein. Tennis ist auch ein Glücksspiel, wenn zwei gleich starke Gegner antreten. Aber gibt es zwei wirklich gleich starke Tennisspieler? Es gibt gleich starke Tic Tac Toe (Drei Gewinnt)-Spieler, weil nicht zu schlagende Strategien leicht zu erlernen sind. Vier Gewinnt optimal zu spielen gelingt nur noch den wenigsten. Beim Schach schließe ich sogar gänzlich aus, dass es wirklich gleich starke Gegner gibt. Ist ein Spiel nur hinreichend komplex, so gibt es immer Unterschiede zwischen den Spielern. No Limit Texas Hold’em Poker ist komplexer als Schach. Dies wird nicht zuletzt dadurch belegt, dass es derzeit keinem Computerprogramm gelingt, Weltklasse-Pokerspieler nachhaltig zu schlagen, während Deep Blue seine Schlagzeilen längst hatte.

Die zweite Wenn-Klausel ist schwerer zu verstehen. Warum sollte ein Spiel, das kurzfristig ein Glücksspiel ist, langfristig keines sein? Im ersten Teil des Artikels habe ich geschrieben, dass wir als Pokerspieler die jeweilige Verteilung der Karten einfach akzeptieren und darauf reagieren. Ob nun ein Weltmeister wie George Danzer oder ein blutiger Anfänger den Blick in seine Karten riskiert, sie haben beide das gleiche Recht, erfreuliches zu finden und sie haben beide die gleiche Chance, ihr Spiel durch Showdown zu gewinnen. Deshalb ist Poker kurzfristig ein Glücksspiel. Aber alles, was nun kommt, hat nichts mit Glück zu tun.

Die Tatsache dass nämlich beide die gleiche Chance auf ein gutes Blatt und den Sieg durch Showdown haben sagt nichts darüber aus, ob sie erfolgreiches Poker spielen. Gute Spieler gehen in den allermeisten Fällen nicht bis zum Showdown. Sie erkennen früh, dass sie vermutlich geschlagen sind und minimieren den zu erwartenden Verlust durch den schnellst möglichen Ausstieg. Sie schützen ihre Gewinn-Szenarien durch knackige Einsätze <Bets> (Erklärung: siehe Glossar unten) und erringen dadurch meist vorzeitige Siege oder erhalten einen erhöhten Payoff. Es gibt keine Preise für die Anzahl der gewonnenen Spiele oder die Siege mit Händen der Qualitätsgüte „Full House“. Die Meister des Spiels zahlen wenig für schlechte oder unklare Szenarien, erringen Siege ohne Showdown und erzielen hohe Preise für ihre Gewinnhände. Es stellt sich also nicht die in einer kurzfristigen Betrachtung dominierende Frage: Wer gewinnt das Spiel? Mittel- und langfristig zählt nur, was aus der Summe der sich immer wieder bietenden Chancen, aber auch der lauernden Gefahren gemacht wurde. Spielt man nur lange genug, hat man es in etwa gleich oft erlebt, mit Königen Asse auszuzahlen, als dass man selbst seine Asse versilbert bekam. Dies ist mathematisch beweisbar: Das Gesetz der großen Zahlen besagt, dass die relative Häufigkeit eines zufälligen Ereignisses gegen seine Wahrscheinlichkeit konvergiert.

Für einen Münzwurf bedeutet dies, dass sich die relative Häufigkeit des Auftretens von „Kopf“ (# Realisierungen „Kopf“) / (# Versuche) mehr und mehr dem Wert 1/2 annähert. Es lässt sich deswegen natürlich nicht sagen, was als nächstes kommt, aber sicher ist, dass sich mit wachsender Wiederholungsrate „Kopf“ und „Zahl“ mehr und mehr die Waage halten. Da wir dies wissen, würden wir jederzeit an einem Spiel teilnehmen, das uns für „Kopf“ 2 Euro ausbezahlt, während wir bei „Zahl“ nur 1 Euro zahlen müssen. Nehmen wir tausendmal daran teil, ist es vernünftig anzunehmen, dass wir fünfhundertmal gewinnen. Somit errechnet sich folgender zu erwartender Gewinn: 500*2 – 500*1 = 500

Pro Spiel bedeutet dies einen zu erwartenden Gewinn von 50 Cent.

Es tut sich der gleiche scheinbare Widerspruch auf wie am Pokertisch: Das Einzelspiel ist Glück, doch wer das Glück hat, ein solches Spiel angeboten zu bekommen, der wird es öfter spielen und kann auf Dauer nicht verlieren. Poker bietet jedem überlegenen Spieler genau diese Chance. Die Komplexität des Spiels verschleiert die Gewinnwahrscheinlichkeiten so gut, dass Könnern der goldene Tarnmantel des Glücksrittertums umhängt.

Wir lesen uns wieder im abschließenden dritten Teil „Mathematik und Psychologie bestimmen das Pokerspiel“.

Kleines Poker Glossar

act – die Hand spielen: checken, setzen oder folden

bet – setzen

Bluff – eine schwache Hand spielen, als ob sie stark wäre

Board – alle offenen Gemeinschaftskarten

call – halten des geforderten Einsatzes

check – abwarten, äquivalent zu bet in Höhe von 0

Draw – eine aktuell schwache Hand, die im weiteren Verlauf besonders stark werden kann

Flop – die ersten drei, gleichzeitig gegeben Gemeinschaftskarten

Flush – fünf Karten derselben Farbe

fold – aussteigen

Full House – drei Karten eines Rangs, dazu zwei Karten eines anderen Rangs

Hand – eine nach Wertigkeit messbare Kombination aus fünf Karten

Outs – Karten im Deck, die die Hand entscheidend verbessern

Pocket Cards – Startkarten

Pot – alle Jetons in der Mitte des Tisches als Gewinn für den Sieger

Preflop – die Situation vor dem Flop

raise – erhöhen

Reraise – erneut erhöhen

River – die fünfte und letzte Gemeinschaftskarte

Showdown – finaler Kartenabgleich, um den Sieger des Pots festzustellen

Straight – Straße, fünf Karten in einer Reihe

Straight Flush – fünf Karten derselben Farbe in einer Reihe

Tableimage – aktuell wahrgenommenes Charakterbild eines Spielers

Turn – die vierte Gemeinschaftskarte