Ich bin Mathematiker und Poker-Spieler – eine seltene Spezies? Vielleicht, denn tatsächlich ist mein Blick auf alltägliche Dinge und Entscheidungen wahrscheinlich ein anderer als Ihrer. Aber gerade deshalb möchte ich mit meinen Blog-Beiträgen, die Sie von jetzt an regelmäßig hier finden werden, eine Brücke schlagen: zwischen Entscheidungen im Poker und im beruflichen Alltag. Denn hier können die Mathematik & die Psychologie hinter dem Poker-Spiel entscheidend weiterhelfen.

Sie haben keine Ahnung von Poker und kennen die Fachausdrücke nicht? Keine Sorge, das müssen Sie auch nicht. Die wichtigsten Ausdrücke erkläre ich Ihnen im Glossar* (siehe unten). Dem Pokerspiel selbst werden Sie sich nach und nach – mit meinen regelmäßigen Blog-Beiträgen – annähern können.

Poker? – Ja, kenne ich. Das ist das Kartenspiel mit Full House und so. – Das Spiel, bei dem man ständig blufft – aber ich habe kein Glück bei so etwas.

Ein Kartenspiel? Full House? Bluffen? Glück? All das hat durchaus etwas mit Poker zu tun und doch ist diese so weit verbreitete Einstellung gegenüber dem Spiel von Grund auf falsch. Ich möchte Ihnen Poker – genauer gesagt „No Limit Texas Hold’em Poker“ – als einen auf Spieltheorie basierenden, psychologisch geführten Finanzwettstreit vorstellen und Ihnen immer auch die Mathematik dahinter zeigen.

Fangen wir ganz einfach an!

Poker ist kein Kartenspiel

Was passiert, wenn wir Poker spielen? Jeder von uns erhält zwei Startkarten, die nur der jeweilige Spieler kennt. Dann wird gesetzt. Es kommen drei offene Karten ins Spiel, die allen noch am Spiel beteiligten Spielern zur Verfügung stehen und in Kombination mit den jeweiligen Pocket Cards eine Pokerhand bilden. Es wird ein zweites Mal gesetzt. Nun folgt eine weitere offene Karte, eine dritte Setzrunde, eine letzte offene Karte und eine finale Setzrunde. Sind jetzt noch mindestens zwei Spieler im Rennen, erfolgt der Showdown. Die Kontrahenten legen ihre Pocket Cards offen und der Dealer stellt den Sieger der Partie fest, indem er die beste Pokerhand aus den Pocket Cards und den fünf offenen Gemeinschaftskarten ansagt.

Wenn Sie genau hinsehen, haben wir nicht mit Karten gespielt. Wir haben sie lediglich in Empfang genommen, angesehen, uns irgendwann von ihnen getrennt oder sie schließlich gezeigt. Wir haben keine Trümpfe deklariert, ein Spiel angesagt oder gestochen. Mit den Karten haben wir eigentlich nichts gemacht. Wir haben ihre aktuelle Verteilung akzeptiert und die Situation bewertet. Wir haben check, bet, fold, raise oder call gespielt. Wir haben mit unseren Jetons operiert. Wir haben verhandelt.

Die eigentlichen Handlungen am Pokertisch finden auf Finanzebene statt. Setzen wir, so bedeutet das nichts anderes, als dass wir einen Preis für den aktuell zu gewinnenden Pot festlegen. Wir formulieren also ein geschäftliches Angebot. Werden wir gecallt, so wird unser Angebot angenommen. Steigen alle Gegner aus, so wird das Angebot abgelehnt und das mit einem Preis versehene Gut, der Pot, kommt ins eigene Lager. Erhöht aber ein Gegner, so wandert der Besitz des Gutes in seine Hände und wir müssen nun überlegen, ob wir seinen Preis bezahlen wollen.

Darin lassen sich zwei Implikationen erkennen:

  1. Wir wollen aktiv sein! Wer setzt, kommt in den Besitz des Gutes – allein durch seine Behauptung, er sei der Eigentümer! Dadurch hat er die Chance, tatsächlicher Eigentümer zu werden, falls die anderen Spieler ihm glauben und folden. Wer aber nur callt, dem entgeht die Chance, das Gut unmittelbar zu erlangen und er muss darauf hoffen, dass an der Kasse sein Bon ihn zum Eigentümer erklärt: Seine Karten müssen im Showdown bestehen.
  1. Erfolgreiches Spiel bedeutet nichts anderes als mehrheitlich gute Geschäfte abzuschließen. Wer günstig einzukaufen und zu stolzen Preisen zu verkaufen versteht, der hat am Pokertisch, genauso wie in der Geschäftswelt, die Nase vorn.

Neugierig geworden? Beim nächsten Mal geht es weiter mit Poker ist kein Glücksspiel. Wir lesen uns.

*Kleines Poker Glossar

act – die Hand spielen: checken, setzen oder folden

bet – setzen

Bluff – eine schwache Hand spielen, als ob sie stark wäre

Board – alle offenen Gemeinschaftskarten

call – halten des geforderten Einsatzes

check – abwarten, äquivalent zu bet in Höhe von 0

Draw – eine aktuell schwache Hand, die im weiteren Verlauf besonders stark werden kann

Flop – die ersten drei, gleichzeitig gegeben Gemeinschaftskarten

Flush – fünf Karten derselben Farbe

fold – aussteigen

Full House – drei Karten eines Rangs, dazu zwei Karten eines anderen Rangs

Hand – eine nach Wertigkeit messbare Kombination aus fünf Karten

Outs – Karten im Deck, die die Hand entscheidend verbessern

Pocket Cards – Startkarten

Pot – alle Jetons in der Mitte des Tisches als Gewinn für den Sieger

Preflop – die Situation vor dem Flop

raise – erhöhen

Reraise – erneut erhöhen

River – die fünfte und letzte Gemeinschaftskarte

Showdown – finaler Kartenabgleich, um den Sieger des Pots festzustellen

Straight – Straße, fünf Karten in einer Reihe

Straight Flush – fünf Karten derselben Farbe in einer Reihe

Tableimage – aktuell wahrgenommenes Charakterbild eines Spielers

Turn – die vierte Gemeinschaftskarte