Übersetzen würde ich es als „mit mehreren“. Namentlich adressiert ist hier wohl das Pokerspiel gegen mehrere Gegner. Das ganz normale Spiel also: No Limit Texas Holdem am Sechsertisch. Diese Bastion menschlicher Entscheidungskompetenz attackiert der Algorthmus „pluribus“ – wie wir seit dem 11. Juli 2019 wissen. „Es“ hat gesiegt.

Nach Schach und Go sind wir als „Gattung Mensch“ nun also auch im vielleicht komplexesten klassischen Denksport der künstlichen Intelligenz unterlegen.

Was für eine Kränkung.
Was für eine Entwicklung!

Wie lässt sich das einordnen bzw. in Ansätzen verstehen?

Nach dem großen Sieg von Deep Blue über Garri Kasparow im Jahr 1996 wich der immense Ehrgeiz, bessere Schachmaschinen als Schachweltmeister zu erschaffen, der Vision, Computer auch am völlig freien Markt obsiegen zu lassen. Schach ist gefangen auf seinem Brett. Es gibt Begrenzungen aller Art. Das Feld. Die Figuren. Die Spielzüge. Alle Wahrheit, jede Information, liegt an sich offen da. Die Frage ist „nur“, wer kann wie umfassend blicken, urteilen und dann folgerichtig entscheiden?

Ganz anders verhält es sich beim Poker. Poker menschelt viel mehr als Schach. „Das Falsche zu tun, aber im richtigen Augenblick“ macht aus einem guten einen exzellenten Pokerspieler.

Wie soll eine Maschine den Sinn dieses tiefliegenden Zitats aus „Cincinatti Kid“ auch nur im Ansatz verstehen? Mit Fallstricken wie diesen hatten Entwickler weltweit also zu tun – und nun ist es vollbracht.

Es vollzog sich Schritt um Schritt.

Im Frühjahr 2011 trat ich mit meinem Kollegen Stefan Rapp gegen das Programm „Fat Tony“, das unter der Leitung Prof. Dr. Fürnkranz an der Uni Darmstadt für „Limit Poker 1vs1“ programmiert wurde, an. Es wurde per gespiegelter Karten ausgefochten, so dass das Team Computer die gleichen Spielsituationen zu entscheiden hatte wie das Team Mensch.

Stefan und ich gewannen damals noch klar. Und das obwohl Fat Tony es viel, viel leichter hatte als heute pluribus.
Tony musste nie entscheiden, wie hoch – sondern nur ob – er setzte. Dieser Unterschied ist gerade für Maschinen ein gewaltiger. Denn Null-Eins, das liegt den reinen Rechnern, aber kreativ ein Angebot zu unterbreiten, das ist etwas Menschliches! Ebenso spielte es Tony damals brutal in die Karten, dass das Spiel „1 gegen 1“ keine hitzig irrationale Interaktion zwischen verschiedenen Gegnern gleichzeitig zulässt. „Mann gegen Mann“ ist wesentlich leichter zu schematisieren als ein wilder Marktplatz, wo ein Angebot auch mal schlicht eine persönliche Reaktion auf eine Drittpartei sein kann.

Wir Pokerspieler also schlugen satte 15 Jahre nach Deep Blue immer noch dessen pokernde Rechenkollegen in deren Heimspiel per menschlichem Urteilsvermögen. Ich war mir recht sicher, dass das auch noch lange so bleiben würde. Gerade mal acht Jahre später aber bin ich widerlegt. Pluribus hat alle Hürden genommen. Wie war das möglich?

Per Darwinismus.

Pluribus verwendete im Gegensatz zu seinen, auch schon sehr beachtlichen Vorgängern, keine Starthilfen aus menschlichem Spielverhalten.

Dem „neugeborenen kleinen Pluribus“ wurde einfach nur der komplette Regelsatz samt dem Spielziel vorgelegt. Dann wurde er sich selbst überlassen. Pluribus spielte und spielte – gegen Versionen seiner selbst. Binnen weniger Tage hatte er Milliarden Hände Erfahrung. Und während er in seinen ersten Milliarden von Spielentscheidungen sicherlich ein massiver Verlierer gegen quasi jeden Amateurspieler war, schlägt er Kraft seines steten Lernprozesses nun alles und jeden.

Irgendwo macht das Mut: Immer wieder aufstehen und als verbesserte Version seiner selbst weitermachen – das zahlt sich offenbar aus.

Natürlich ist es auch erschreckend: Wohin soll das alles noch führen, wenn unsere Maschinen selbst besser pokern als wir?

Sieger ist wie so oft die Mathematik, die Sprache der Logik.

Das sollten wir wahrnehmen, das sollten wir mitnehmen und auf dieser Basis sinnvoll an der Zukunft basteln.

Alles entscheidend ist die eigene Haltung zu Bewusstsein und Konsequenz.
Machen wir uns bewusst, was die Mathematik alles vermag und interessieren wir uns konsequenterweise für sie.

Wäre es heute noch richtig zu behaupten, Mathematiker säßen eh nur in ihren eigenen Elfenbeintürmen, so wäre es richtig zu sagen: Dann ist die Welt eben ein Elfenbeinturm.

 

Stellvertretend für die Medienberichterstattung zu pluribus: der Artikel der Süddeutschen Zeitung