Mitte des 15. Jahrhunderts galt die Mathematik in Europa noch als ein geheimes Ordnungsprinzip einer von Gott geschaffenen Welt. Kaum jemand in der Bevölkerung konnte wirklich rechnen, selbst Wissenschaftler und Ingenieure konnten keine Division durchführen. Die Universität in Altdorf nahe Nürnberg war die einzige, an der man diese „Kunst“ erlernen konnte. Das aus Indien stammende Dezimalsystem hatte sich noch nicht durchgesetzt. In vielen europäischen Ländern war es sogar verboten. Überall waren die aus Buchstaben bestehenden altrömischen Zahlen im Gebrauch. Die heute verbreiteten aus den arabischen Ländern stammenden Zahlen waren zu dieser Zeit unüblich.

Dem „normalen“ Menschen fehlte also das Werkzeug, um beispielsweise auf den Märkten den vom Händler genannten Preis zu überprüfen. Das öffnete Betrügereien Tür und Tor. Auch die Maße und Gewichte waren keineswegs einheitlich. Längen wurden nach Körpermaßen gemessen. Hinzu kam, dass jede Stadt ihre eigenen Vorstellungen dieser Körpermaße hatte, so dass es unterschiedlich große Ellen, Füße oder Hände gab. Ein Scheffel Weizen umfasste beispielsweise, umgerechnet in heutige Liter, in Leipzig 136, in Zwickau 164 und in Annaberg 194 Liter. Wir erinnern uns heute an ein solches Durcheinander bei Maßen und Gewichten nicht mehr, einige Bezeichnungen von damals wie eine „Fußbreit“ oder eine „Hand voll“ sind uns als Begriff noch geläufig. Als Maßeinheiten jedoch haben sie ausgedient.

Dass sich dieses änderte, verdanken wir maßgeblich dem Rechenmeister Adam Ries. Viele kennen noch den üblichen Spruch „Das macht nach Adam Riese…“ Richtig hieß Adam tatsächlich Ries – ohne „e“ am Ende. Dieser zusätzliche Buchstabe am Ende des Namens ist der Tatsache geschuldet, dass zu Zeiten des Rechenmeisters die Namen noch dekliniert wurden und verschiedene Endungen hatten. Aber vielleicht war die Vorstellung eines Riesen auch geläufiger, denn ein Rechenriese war er tatsächlich.

Die Redewendung jedenfalls ist bis heute eine bekräftigende Bestätigung für die Richtigkeit einer Rechnung. Bereits im 18. Jahrhundert ist der Ausspruch nachzuweisen. In seinem Buch „Geschichte der Mathematik“ schreibt der Mathematiker Abraham Gotthelf Kästner: „Nach Adam Riesen, ist lange Zeit Versicherung der Wahrheit einer Rechnung gewesen, ….“ Auch in die Literatur hielt dieser Beweis Einzug, beispielsweise in Adelbert von Chamissos im 19. Jahrhundert geschriebenem Gedicht „Die goldene Zeit“: …..Und am besten weiß, wer klagt, wo ihn drückt der eigne Schuh; wer zuerst nur A gesagt, setzt vielleicht noch B hinzu; denn, wie Adam Riese spricht, zwei und zwei sind eben vier ….“

Getreu seinem Lebensmotto „… gemeiner deutscher nation hyrinnen seinen dyenst nach vermügen zu beweisen, der jugent zum besten“ hatte es sich Adam Ries schon früh zum Ziel gemacht, auch dem einfachen Volk das Rechnen beizubringen und es damit in die Lage zu setzen, Marktpreise vergleichen zu können. Er setzte daher konsequent auf arabische Ziffern statt auf lateinische, die unhandlich und kompliziert waren. Ries trug maßgeblich dazu bei, dass sich diese Ziffern gegenüber den römischen bei uns durchgesetzt haben. Sein erstes Rechenbuch „Rechnung auff der linihen“ war insbesondere für den Schulunterricht gedacht. Der Begriff „Linien“ bezieht sich dabei auf ein Rechenhilfsmittel namens Abakus. Damit es von den Schülerinnen und Schülern, aber auch von einer breiten Masse gelesen und verstanden werden konnte, erschien dieses Buch – ungewöhnlich und daher von größter Bedeutung – in deutscher Sprache. Zu dieser Zeit war es Usus, alle Gelehrtenbücher in lateinischer Sprache zu verfassen. Rieses Bücher wurden populär. Sein zweites Buch „Rechnen auff der linihen und federn“ erreichte zwischen den Jahren 1522 und 1656 insgesamt 118 Auflagen. Es ist damit das am häufigsten gedruckte deutsche Rechenbuch.

Auch hinter der Erstellung einer allgemeinen Brotordnung für Annaberg, später auch für einige andere Städte, steckt die Absicht von Adam Ries, dem einfachen Volk ein Mittel an die Hand zu geben, um Gerechtigkeit zu erfahren. Zu seiner Zeit hatte Brot immer den gleichen Preis. Auf Schwankungen bei den Kosten für das Getreide reagierten die Bäcker mit einer Änderung des Brotgewichtes. Das öffnete findigen Bäckermeistern allerlei Manipulationsmöglichkeiten. Also entwickelte der Rechenmeister ein umfangreiches Tabellenwerk, mit dem man auf die Schwankungen bei Preis und Gewicht reagieren konnte und somit Schummeleien offen gelegt werden konnten.

Es lohnt sich also, die Person des Mathematikreformers näher zu betrachten. Geboren wurde Adam Ries 1492 im fränkischen Staffelstein als Sohn des Mühlenbesitzers Contz Ries und dessen zweiter Frau Eva Kittler. Seine Zeitgenossen waren zum Beispiel Hans Sachs, Albrecht Dürer, Martin Behaim, Martin Luther oder Nicolaus Copernicus. Über seine frühen Lebensjahre ist kaum etwas bekannt, auch nicht, welche Schule und ob er eine Universität besucht hat. Mehr erfährt man über ihn erst, nachdem er zunächst nach Erfurt und wenig später 1522 in die aufstrebende Silberbergbau-Stadt Annaberg ins Erzgebirge gezogen ist.

1525 vermerkt das Traubuch der St.-Annen-Kirche in Annaberg die Vermählung mit Anna Leuber, Tochter des Schlossermeisters Andreas Leuber aus Freiberg. Im gleichen Jahr legte Adam Ries den Bürgereid ab, der ihm zum vollwertigen Bürger Annabergs machte. Den Lebensunterhalt verdiente er zunächst als sog. „Rezessschreiber“, vergleichbar mit einem heutigen Buchhalter. Voraussetzungen für diese Tätigkeit im örtlichen Bergamt waren ein fundiertes Wissen über den Bergbau und gute Mathematikkenntnisse. Ries war damit beauftragt, die Abrechnungen der einzelnen Erzgruben zu erstellen. Später wurde er zum „Gegenschreiber“, prüfte die Abrechnungen und war dafür zuständig, dass der Landesherr seinen Anteil am Gewinn der Erzgruben erhielt. 1939 zog die Familie Ries in die nach ihm benannte „Riesenburg“, einem Gebäude vor der Stadt.

In Annaberg beendete Ries die Arbeit an der „Coß“, einem mehr als 500 Seiten umfassenden Lehrbuch der Algebra. Weil damals der Druck des Buches zu hohe Kosten verursacht hätte wurde es nicht publiziert und nur von seinen beiden Söhnen sowie Mathematikern aus dem Umfeld von Adam Ries benutzt. Das vollständige Manuskript der „Coß“ wurde erst 1992 gedruckt.

Gleichzeitig eröffnete Adam Ries eine Rechenschule und durfte sich „Rechenmeister“ nennen. In den Städten gab es meist mehrere Rechenmeister, die mit viel Werbung um die Gunst der zahlenden Schüler buhlen mussten. Deshalb gab es strenge Regeln für das Betreiben solcher Schulen, wie eine überlieferte Schulordnung aus Nürnberg belegt: „Kein Schuhl- oder Rechemaister darf dem anderen zunahe an die seithen ziehen, sondern wenigstens ohngefähr zwo gaßen weit sein Schuhltaffell auszuhencken schuldig sein, auch die Schuhlkinder, so sie einem andern anvertauet nicht abspannen, noch durch andere abpraktizieren lassen.“

Am 30. März 1559 starb Adam Ries wahrscheinlich in Annaberg, anderen Angaben zufolge in Wiesa. Der Spruch „Das macht nach Adam Riese …“ aber erinnert auch heute noch an den großen Mathematikreformer. Ihm zu Ehren erhielt 1997 sogar ein neu entdeckter Asteroid die offizielle Bezeichnung „(7655) Adamries“. Der Felsbrocken misst zwischen 3 und 9,4 Kilometer im Durchmesser und braucht für seinen Umlauf um die Sonne rund 3,8 Jahre. In seiner Wahlheimat Annaberg erinnert ein  besuchenswertes Museum an den Rechenmeister. Zum 450. Todestag von Adam Ries im Jahr 2009 wurde in seiner Heimatstadt Bad Staffelstein das Adam-Riese-Denkmal am Marktplatz enthüllt.