Poker ist ein auf Spieltheorie basierender, psychologisch geführter Finanzwettstreit.

Ist es also nach der Lektüre meines letzten Beitrags geradezu evident, dass man als überlegener Pokerspieler langfristig gewinnt? Das Problem liegt in dem unscheinbaren Wort „überlegen“, das dem Pokerspieler als Attribut beigefügt wurde, ehe ich die Gewinnlizenz aussprach. Die Pokertische sind gefüllt mit gefühlter Überlegenheit. Doch wenn jeder jedem überlegen ist …

Echte Überlegenheit am Pokertisch fußt auf zwei großen Säulen: der Mathematik und der Psychologie. Die Mathematik ist die Pflicht, die Psychologie die Kür. Um in einem spieltheoretischen Finanzwettstreit bestehen zu können, muss man die Zusammenhänge klar verstehen, sie errechnen. Je fundierter die rechnerische Analyse der jeweiligen Situation, desto variabler kann mit zwischenmenschlichen, psychologischen Einflüssen gearbeitet werden.

Im Folgenden beschreibe ich ein Beispiel für die Pokerspieler unter Ihnen. Aber auch ohne Spielkenntnisse werden – mit etwas Mut, über die Fachbegriffe einfach hinwegzulesen oder im Glossar* (siehe unten) nachzuschauen – die wesentlichen Denkweisen eines Pokerspielers plausibel:

Wir haben mit einer schwachen suited Herz-Ass-Kombination Pre-Flop vom Button die Blinds angegriffen. Der Big Blind hat bezahlt und auf dem Flop 60 % der Potgröße angespielt. Der Flop setzt sich aus Dame hoch mit zwei Herzen zusammen. Unser Stack ist viermal so groß wie die gegnerische Bet und wird vom Gegner gecovert.

Wir halten einen Flushdraw mit einer Overcard. Was tun?

Wie kann die Mathematik helfen?

Wie viele Karten helfen uns sicher?

– 9 Nut-Flush-Outs

Welche weiteren Outs sehen wir?

– 3 Outs für ein Paar Asse

– 3 Outs für ein Paar mit unserer Beikarte

Mit welchen Gewinnwahrscheinlichkeiten dürfen wir rechnen?

– 19 % (ca.) für 9 Outs und eine weitere Karte

– 26 % (ca.) für 12 Outs und eine weitere Karte

– 32 % (ca.) für 15 Outs und eine weitere Karte

– 35 % (ca.) für 9 Outs und zwei weitere Karten

– 45 % (ca.) für 12 Outs und zwei weitere Karten

– 54 % (ca.) für 15 Outs und zwei weitere Karten

Rechnet sich ein Call nach Pot Odds?

– Ab 27 % (ca.) ist ein Call rechnerisch OK, denn es werden 60 (%) verlangt, um den dann 220 (%) großen Pot spielen zu dürfen.

Was kann die Psychologie tun?

Mit welchem Spieler haben wir es zu tun?

– Ab welcher Blattgüte callt er Preflop?

– Ab welcher Treffergüte spielt er am Flop an?

– Spielt er sogar ohne Treffer an?

– Ab wann callt er ein Reraise? All In?

– Setzt er am Turn, wenn wir am Flop callen?

Welchen Eindruck <Tableimage> hat der Gegner von uns?

– Ab welcher Blattgüte callt er UNS Preflop?

– Ab welcher Treffergüte spielt er am Flop GEGEN UNS an?

– Ab wann callt er UNSER Reraise? All In?

– Setzt er GEGEN UNS am Turn, wenn wir am Flop callen?

Erst das Zusammenspiel dieser mathematischen und psychologischen Fragen führt zu einer optimalen Entscheidung in dieser speziellen Situation.

Glauben wir, dass er ein All In von uns nicht callt, so ist es egal, von welcher Gewinnwahrscheinlichkeit wir ausgehen. Callt er uns jedoch ab Top Pair, so rechnen wir zwar für beide Karten – aber nicht mit 15 Outs. Würde er uns sogar mit jedem Paar callen und ist unsere Beikarte höher als die beiden Karten neben der Dame am Board, so könnten wir sogar 54 % Gewinnwahrscheinlichkeit haben.

Glauben wir an eine weitere Bet unseres Gegners am Turn, so dürfen wir für einen Call nur mit einer Karte und maximal 12 Outs rechnen, also nicht callen. Glauben wir hingegen, dass er unseren Call respektiert und am Turn checkt, haben wir die Möglichkeit, mit zwei Karten zu rechnen und dürfen callen.

Perfekt wird man dieses und ähnliche Probleme niemals lösen können. Denn Poker ist ein Spiel, das auf unvollständiger Information beruht. Gerade das macht den Reiz aus. Was gestern und heute wahr und richtig ist, kann schon morgen fatal falsch sein. Es gibt keine dominierende Strategie. Ein überlegener Pokerspieler ist geistig immer in Bewegung.

In geschäftlichen Verhandlungen verhält es sich genauso. Die Analogien Bet = Angebotsabgabe, Call = Angebotsannahme, Fold = Angebotsablehnung wurden bereits erwähnt. Die stochastischen Kennzahlen finden ihre Entsprechungen in der Investitionsrechnung und der Bewertung risikobehafteter Geschäfte. Das Spiel mit der eigenen Persönlichkeit und der des Gegenübers schließlich ist das Salz am Pokertisch, so wie auch in jeder Verhandlung. Wenn es mir gelingt, das Profil meines Gegenübers zu verstehen, seine Wünsche, Ängste und Zwänge zu erraten und mein eigenes Außenbild wahrzunehmen, dann habe ich die besten Voraussetzungen, um mich in jeder Debatte zielführend einzubringen. Zu pokern bedeutet, seine Umwelt ganzheitlich wahrzunehmen, Chancen zu erkennen und von Zeit zu Zeit bewusst und entschlossen überschaubare Risiken einzugehen.

*Kleines Poker Glossar

act – die Hand spielen: checken, setzen oder folden

bet – setzen

Bluff – eine schwache Hand spielen, als ob sie stark wäre

Board – alle offenen Gemeinschaftskarten

call – halten des geforderten Einsatzes

check – abwarten, äquivalent zu bet in Höhe von 0

Draw – eine aktuell schwache Hand, die im weiteren Verlauf besonders stark werden kann

Flop – die ersten drei, gleichzeitig gegeben Gemeinschaftskarten

Flush – fünf Karten derselben Farbe

fold – aussteigen

Full House – drei Karten eines Rangs, dazu zwei Karten eines anderen Rangs

Hand – eine nach Wertigkeit messbare Kombination aus fünf Karten

Outs – Karten im Deck, die die Hand entscheidend verbessern

Pocket Cards – Startkarten

Pot – alle Jetons in der Mitte des Tisches als Gewinn für den Sieger

Preflop – die Situation vor dem Flop

raise – erhöhen

Reraise – erneut erhöhen

River – die fünfte und letzte Gemeinschaftskarte

Showdown – finaler Kartenabgleich, um den Sieger des Pots festzustellen

Straight – Straße, fünf Karten in einer Reihe

Straight Flush – fünf Karten derselben Farbe in einer Reihe

Tableimage – aktuell wahrgenommenes Charakterbild eines Spielers

Turn – die vierte Gemeinschaftskarte