Wenn ich versuche, Studierenden oder KollegInnen in der Schule die These nahezubringen, Mathematik sei ein besonders demokratisches Fach, ernte ich oft Unverständnis. Es wird dann eingewendet, in der Mathematik würde doch nicht über richtig und falsch abgestimmt. Das ist selbstverständlich richtig, Demokratie meint aber mehr als Abstimmung. Die Idee, dass Mathematik ein sehr demokratisches Fach sei, habe ich von meinem ehemaligen Frankfurter Kollegen Lutz Führer übernommen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich seine Haltung in allen Aspekten richtig verstanden habe, aber bei mir hat sich folgende Sichtweise ergeben und über die Jahre gefestigt: Mathematik ist demokratisch, weil es kein Geheimwissen gibt. Niemand besitzt eine privilegierte Erkenntnisposition (wie sie etwa in der Physik diejenigen haben, die über bestimmte Messgeräte verfügen), jeder kann nachfragen, Begründungen einfordern und welche geben.

Leider ist der real existierende Mathematikunterricht davon oft weit entfernt und erzieht stattdessen allzu oft zum Untertanen oder Untertänin, der/die die mit der Autorität der Lehrperson verkündeten Fakten lernt und halbverstandene Verfahren ausführt.

Stattdessen sollte das kritische Fragen und Argumentieren gelernt und praktiziert werden – innerhalb der Mathematik und darüber hinaus. Auf Basis von schulüblichen Mathematik- und Naturwissenschaftskenntnissen können Schülerinnen und Schüler, wenn sie Computer kompetent anwenden, beispielsweise selbst prüfen, um wie viel die Weltmeere steigen, wenn das Grönlandeis schmilzt oder ob die Erhöhung der CO2-Konzentration auf den Einfluss des Menschen oder doch eher auf Vulkane zurückzuführen ist, wie einige Klimawandel-Skeptiker behaupten.

Wenn Schule Mathematikunterricht so nutzen würde, dann wären nicht nur die Freitage for future, sondern die ganze Woche.