„Angst essen Seele auf“ heißt ein Filmtitel von Rainer Werner Fassbinder. Tatsächlich hat regelmäßige Angst Auswirkungen auf die Psyche. Andauernde Furcht scheint auch viele Schülerinnen und Schüler zu quälen, wenn sie an den Matheunterricht denken. Offensichtlich ist dieses Problem so schwerwiegend und weit verbreitet, dass es zum Inhalt zahlreicher Studien geworden ist. Auch die Stiftung Rechnen und der Online-Lernspezialist scoyo haben sich ganz aktuell dieses Themas angenommen.

Im Rahmen einer repräsentativen FACT-Umfrage* wurden 544 Kinder der Klassen eins bis sieben befragt. Nahezu jedes zehnte Kind fürchtet sich demnach vor der Mathematik, insbesondere Mädchen. Mehr als doppelt so häufig sind laut Stiftung Rechnen und scoyo Schülerinnen von dieser Furcht betroffen. Außerdem hat die Studie ergeben, dass dieser Unterschied zunimmt, wenn der Wechsel auf eine weiterführende Schule bevorsteht.

Die Matheangst ist nicht nur in Deutschland ein immer mehr beachtetes Phänomen, mit dem sich ganz unterschiedliche wissenschaftliche Fächer beschäftigen. Darunter PädagogInnen, NeurologInnen und PsychologInnen. In einer aktuellen Studie hat sich die Psychologin Erin A. Maloney von der Universität Chicago beispielsweise mit der Rolle der Eltern befasst. Erin A. Maloney geht davon aus, dass eine ängstliche oder ablehnende Haltung von Vater und/oder Mutter bereits das kindliche Verhalten prägt und zu einer steigenden Ablehnung der Mathematik durch die Kinder führt. Der Weg von der Ablehnung hin zur Angst ist dann nicht mehr weit.

Auf einem von Stiftung Rechnen und scoyo anlässlich der eigenen Studie veranstalteten „Online-Elternabend“ wurde diese These weitgehend untermauert. Silke Ladel, Didaktikprofessorin an der Universität des Saarlandes, bestätigte den negativen Einfluss von Eltern, die entweder Mathematik für eher unwichtig halten oder selbst von Matheangst betroffen sind. „Speziell wir in Deutschland haben eine ‚angeborene’ negative Haltung und thematisieren oft, dass Mathe ein unliebsames Fach ist. Damit machen wir es verstärkt zu einem Angstfach“ sagte sie beim Elternabend.

Alexandra von Plüskow, Lehrerin und Autorin, vertrat beim Elternabend die Meinung, dass andere Fächer von Kindern oft als kreativer wahrgenommen werden. Sie hätten das Gefühl, Mathe müsse lediglich stur auswendig gelernt werden, ohne Abwechslung bei den Aufgaben. Der Aufgabenberg erscheine deshalb schier unüberwindlich. Außerdem fehle oft der Bezug zum Alltag. Eine Erfahrung, die die Mathematikerin Katja Biermann aus ihrer langjährigen Tätigkeit als Leiterin der Schulkontaktstelle des Forschungszentrums Matheon in Berlin bestätigen kann: „Das Matheon ist ein Zentrum mit dem Schwerpunkt anwendungsorientierter Mathematik. Diese Forschung vermitteln wir SchülerInnen in unterschiedlichen Formaten, aber immer am Beispiel konkreter Alltagsprobleme. Natürlich sind die Angebote an die verschiedenen Altersstufen angepasst. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sehr viele Kinder und Jugendliche auf diese Weise sehr schnell ihre Abneigung gegenüber der Mathematik verringern. Dies geht bis hin zu der Aussage von GrundschülerInnen, dass das inhaltliche Angebot doch ‚gar keine Mathematik’ gewesen sei“.

Aber warum sind dann, wie die Studie von Stiftung Rechnen und scoyo zeigt, Mädchen signifikanter von der Matheangst betroffen? In der Antwort waren sich die Expertinnen – neben Silke Ladel und Alexandra von Plüskow – auch die Bloggerin Daniela Wolf, beim scoyo-Elternabend einig: In ähnlichem Maße wie die deutsche Gesellschaft in weiten Teilen mathematikfeindlich eingestellt ist, wird auch die Meinung vertreten, dass Mathematik und insgesamt Naturwissenschaften kein Fach für Mädchen und Frauen seien. Dieses Rollenbild findet man nicht nur bei Eltern und Verwandten der Mädchen, sondern häufig sogar bei männlichen und ebenso bei weiblichen Lehrern.

Leider mangelt es da bis heute noch an positiven Vorbildern. Die meisten hervorragenden Mathematiker waren und sind immer noch Männer. Doch es gibt Hoffnung! Schaut man sich an deutschen Universitäten oder auf internationalen Kongressen um, kann man einen steten Anstieg von Mathematikerinnen verzeichnen. Auch bei den mathematischen Schülerwettbewerben nimmt die Zahl der Teilnehmerinnen zu. Unter den sechs erfolgreichsten Teilnehmern an der internationalen Mathematik-Olympiade sind zwei Deutsche, darunter mit Lisa Sauermann eine Frau.

Matheangst lässt sich also aktuell durch gesellschaftliche Meinungen und Einstellungen begründen. Ihre tatsächlichen Ursprünge liegen jedoch tiefer. Eine interessante Erklärung für Matheangst ist der Doktorandin Christina Artemenko und Prof. Hans-Christoph Nürk, Diplommathematiker, -psychologe und Leiter des Arbeitsbereichs für Diagnostik und kognitive Neuropsychologie an der Universität Tübingen, gelungen. Der Forscher und die Forscherin untersuchten die neuronalen und psychischen Komponenten bei der Angst vor Matheaufgaben. Sie stellten fest, dass sich beim Lösen von einfachsten Aufgaben zwischen matheängstlichen und matheunängstlichen Menschen äußerlich zu Beginn kein Unterschied zeigt. Die ängstlichen waren zunächst nicht einmal schlechter als die anderen Probanden. Trotzdem konnten im Gehirn Unterschiede beobachtet werden. Die Verarbeitung dort war bei den ängstlichen Menschen anders, weniger effektiv. Gleichzeitig haben Hans-Christoph Nürk und Christina Artemenko neun – seit 2012 erschienene – neurowissenschaftliche Studien zum Thema Matheangst verglichen und daraus ein Modell erstellt, das die neuronalen Vorgänge von Matheangst anhand der bisherigen Kenntnisse allgemein beschreibt. Das überraschende Ergebnis: Bei den Probanden mit Angst vor der Mathematik werden bei der Konfrontation mit Aufgaben die gleichen Hirnareale aktiviert, die auch bei Schmerz aktiviert werden. Wissenschaftlich ausgedrückt werden die bilaterale dorsoposteriore Insel und der cinguläre Cortex direkt unterhalb des Stirnlappens im Vorderhirn aktiviert.

In engem Zusammenhang damit steht, dass Menschen mit Matheangst offenbar deswegen Rechenaufgaben schlechter lösen, weil sie sich mehr mit ihren Ängsten beschäftigen als mit den eigentlichen Aufgaben. Das Arbeitsgedächtnis hat dann schlichtweg weniger freie Kapazität für die mathematische Leistung. Hinzu kommt unser gutes Gedächtnis für panik- und schmerzauslösende Erfahrungen. Das berühmte Beispiel, dass Kinder nur einmal auf eine heiße Herdplatte greifen und dann aus Erinnerung nie mehr, kann auch auf schlechte Erfahrungen mit der Mathematik angewendet werden. Manchmal reichen nur wenige erlebte Angstsituationen mit der Mathematik, um beim Anblick von Zahlen immer wieder in Panik zu verfallen.

Psychologen der Standford University berichteten vor kurzem im „Journal of Neuroscience“, dass auch Kinder mit guten Matheleistungen von Matheangst „befallen“ sind. Manche begleite die Angst das ganze Leben. Sie hätten dann nicht den Mut, anspruchsvolle Mathematik zu erlernen und würden Berufe meiden, in denen Mathematik wichtig sei, wurden die Amerikaner in „Spiegel online“ zitiert. Als Ergebnis ihrer Untersuchungen plädieren die Forscher für angstfreies Lernen, das den Kindern individuell hilft.

Bislang aber, so Hans-Christoph Nürk und Christina Artemenko aus Tübingen, gibt es nur wenige Ansätze, um solche Forschungsergebnisse in den pädagogischen Schulalltag einfließen zu lassen. Hier müsse man ansetzen, um den Teufelskreis zwischen Angst und schlechter Leistung zu durchbrechen. Die Psychologen der Standford University plädieren für die Etablierung von Einzelunterricht in Mathematik. Die Psychologin Brenda Jansen der Universität Amsterdam berichtete bereits 2013 im Fachblatt „Learning and Individual Difference“ über große Erfolge mit spielerischen Lehrmethoden. Sie und ihre Kollegen ließen Kinder der Klassenstufen drei bis sechs mehrere Wochen lang mit einer spielerisch angelegten Lernsoftware am Computer üben. Ihre Untersuchung ergab, dass beim Üben am PC vor allem keine Blamage vor Mitschülern drohe. Gerade solche negativen Erlebnisse seien für die Auslösung von Mathe-Phobien verantwortlich. Auch die Untersuchung von Stiftung Rechnen und scoyo ergab, dass mehr als jedes dritte befragte Kind Aufgaben mit Zahlen lieber spielerisch lösen würde.

Torsten Landwehr, seit über 20 Jahren erfahrener Mathecoach sowie Gründer und Leiter des Rechentherapiezentrums Köln, vertritt die Ansicht, dass eine Matheförderung, die sich nur auf das fachliche Aufarbeiten konzentriert, oft nicht ausreichend sei. Er arbeitet daher intensiv am mathematischen Selbstbild. Er berichtet, damit sogar SchülerInnen und Erwachsene, die sich seit Jahren aufgegeben haben, zu „sicheren und mutigen Mathebeherrschern“ gemacht zu haben.

Was also kann man tun, um der Matheangst vorzubeugen? Beim Elternabend der Stiftung Rechnen und scoyo gab es neben vielen Tipps ein umfassendes Resümee: Wissen wofür man lernt ist ein wichtiger Motivationsfaktor! Halten Sie deshalb gemeinsam mit Ihrem Nachwuchs Ausschau nach Mathe im Alltag – zum Beispiel beim Einkaufen oder Backen. Es hilft außerdem, dem Kind zu zeigen, wofür es Mathe später einmal braucht – das macht das Mathelernen leichter.

Weitere Informationen zur Studie von Stiftung Rechnen und scoyo finden Sie hier.

 

*Eine repräsentative FACT-Umfrage unter 544 Kindern der Klassen 1 bis 7, erhoben im Oktober 2016.