Mathematik. Der eitrige Abszess unter den Schulfächern. Zumindest für viele Schülerinnen und Schüler.

In meiner mehrjährigen Kampagne „Make Mathematik great again“ versuche ich, Kindern und Eltern die Angst vor dem Mathe-Unterricht zu nehmen. In der ersten Folge der – sehr unregelmäßig erscheinenden – Serie habe ich gezeigt, wie Fußball-Idole oder YouTube-Stars das Interesse von Kindern an der Mathematik wecken können, in Folge 2 ging es um Matheaufgaben aus der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen (z. B. wie mittels Dreisatz errechnet werden kann, wie schnell der Handy-Akku leer ist). In der dritten Folge beschäftigen wir uns damit, wie Eltern in Zeiten von Corona ihren Kindern ganz nebenbei die Mathematik näherbringen können.

Ich denke, wir sind uns einig, dass das Covid-19-Virus noch unbeliebter als Mathematikunterricht ist. Es tötet Menschen, zwingt Leute in systemrelevanten Berufen bis zum Umfallen zu arbeiten, bürdet uns Social-Distancing-Maßnahmen auf und lässt Eltern am Home-Schooling verzweifeln. Nun möchte ich mich nicht dazu hinreißen lassen, in jeder Krise stecke auch eine Chance. Trotzdem können Sie den Corona-Ausnahmezustand nutzen, um mit Ihren Kindern ganz nebenbei ein wenig Alltagsmathematik anzuwenden.

Immer schön Abstand halten

Zur Eindämmung der Corona-Epidemie gibt es die allseits bekannten Hygiene-Vorgaben. Maske tragen, Nies-Etikette beachten und Abstand halten. Eine gute Gelegenheit, Grundschülerinnen und Grundschülern etwas über Längenmaße beizubringen und ihnen zu zeigen, wie viel überhaupt 1,50 Meter sind. Damit wissen sie dann mehr als 90 Prozent der Menschen im Supermarkt.

Mit etwas älteren Kindern können Sie gemeinsam ausrechnen, welchen Flächeninhalt ein Kreis mit einem Radius von 1,50 Metern hat und wie groß der Umfang eines solchen Kreises ist. Diese Werte können Sie dann dazu verwenden, um sich eine Reifenkonstruktion zu basteln, mit der Sie beim nächsten Einkauf Ihre Mitmenschen auf Distanz halten können.

Was wächst denn da?

Kindern, die in die Oberstufe gehen, können Sie ein paar anspruchsvollere Corona-Aufgaben stellen. Was ist ein exponentielles Wachstum, wie werden Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner berechnet und was sagt die Reproduktionszahl R aus?

Bereiten Sie einfach verständliche Erklärkärtchen mit vielen Bildern und wenig Text vor. Die helfen Ihnen nicht nur beim Mathelernen mit Ihren Kindern, sondern Sie können Sie auch bei der nächsten Corona-Verschwörungstheoretiker-Demo verteilen.

Zum Abschluss der Lerneinheit können Sie Ihren Kindern eine schöne Textaufgabe stellen: „Stelle den Verlauf der Infiziertenzahlen für COVID-19 und für Influenza in einem Kurvendiagramm dar. Begründe, warum Covid-19 keine scheiß Grippe ist.“

Mathematik geht durch den Magen

In Zeiten der Isolation backen Sie vielleicht häufiger mit Ihren Kindern als sonst. Nutzen Sie das gemeinsame Backen für eine alltagspraktische Mathematikstunde. Beim Abmessen und –wiegen lernt Ihr Kind spielerisch Maßeinheiten wie Milliliter, Gramm und Pfund kennen. Darüber hinaus muss es mit Zahlen im Hunderter-Raum hantieren (200 Gramm Mehl, 500 Gramm Mehl) und wird mit einfachen Bruchrechnungen konfrontiert (ein Viertel Pfund Butter, eine halbe Zitrone). Mit etwas Übung wird es auch herausfinden, wieviel Gramm Teig es naschen kann, bevor ihm übel wird. Gewissermaßen ein Ausflug in die experimentelle Mathematik.

Sollte Ihr Kind schon etwas älter sein, lassen Sie es den Kuchen einfach mit der vierfachen Menge backen. Das Kind übt dadurch multiplizieren und Sie können mehr Kuchen essen. Eine klassische Win-Win-Situation! (Womöglich wird Ihr Kind nicht sofort zu der gleichen positiven Einschätzung der Situation kommen.)

Als Zusatzaufgabe kann Ihr Kind die maximale Tageskalorienmenge ausrechnen, die Sie zu sich nehmen dürfen, um sich in den folgenden Wochen wieder auf Normalgewicht zu hungern. Ebenfalls eine Win-Win-Situation. (Womöglich kommen Sie diesmal nicht zur gleichen positiven Einschätzung der Situation wie Ihr Kind.)

Mathematik, das reinste Kinderspiel

In vielen Familien stehen Gesellschaftsspiele gerade hoch im Kurs. Eine weitere gute Möglichkeit, die Rechenfähigkeiten Ihres Kindes zu schulen. Starten Sie zunächst mit ‚Mensch ärgere dich nicht‘, damit Ihr Kind die Zahlen von eins bis sechs lernt. Danach machen Sie mit UNO weiter und erweitern den kindlichen Zahlenraum. Dabei kann das Kind auch Kopfrechnen trainieren. Eine +4-Karte auf eine +4-Karte und darauf eine weitere +4-Karte ergibt insgesamt 12 Karten und bei einem Mitspieler ziemlich schlechte Laune.

Später machen Sie dann mit Kniffel weiter, wo das Kind sich beim Ermitteln des Gesamtergebnisses in der schriftlichen Addition üben kann. Fortgeschrittene probieren sich in der Wahrscheinlichkeitsrechnung aus und berechnen, um wieviel die eigenen Gewinnchancen steigen, wenn man selbst das Ergebnis zusammenrechnet und nicht Mama oder Papa.

Noch ein wenig später gehen Sie zum Monopoly über. Aber nicht in der Kinderversion, sondern in der Erwachsenenvariante, bei der die Geldscheine bis 10.000 gehen. Sie werden erstaunt sein, wie selbst ein dyskalkulisches Kind plötzlich in der Lage ist, fehlerfrei mit hohen fünfstelligen Zahlen im Kopf zu rechnen, wenn es bei Ihnen die Miete für einen Hotelaufenthalt auf der Schlossallee abkassiert.

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Auch wenn der Corona-Ausnahmezustand die eine oder andere Gelegenheit für Alltagsmathematik bietet, hoffe ich doch sehr, dass bald ein wirkungsvoller Impfstoff entdeckt wird. Sonst müssen wir unsere Kinder irgendwann im Home-Universitying betreuen. Es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass Mathematik dadurch wieder great wird.