Für viele Jungen und Mädchen bewegt sich die Beliebtheit des Schulfachs Mathematik irgendwo zwischen fester Zahnspange und einem eitrigen Pickel mitten auf der Stirn. Deswegen soll die Kampagne „Make Mathematik great again!“ Schülerinnen und Schüler für den Umgang mit Zahlen begeistern. Im ersten Teil der Artikelserie ging es darum, wie Kinder mit der Hilfe von Teenie-Idolen wie Cristiano Ronaldo oder den Lochis-Zwillingen freiwillig und sogar mit Freude rechnen. In der neuen Folge gehen wir der Frage nach, welche Art von Aufgaben den Schülerinnen und Schülern gestellt werden müssen, damit sie in Erwägung ziehen, ihre mobilen Endgeräte beiseite zu legen, und sich der Bearbeitung ihrer Mathehausaufgaben zu widmen.

Wofür lernen wir das?

Dem römischen Philosophen Seneca wird folgende Kalenderblatt-Weisheit zugeschrieben: „Nicht für die Schule, fürs Leben lernen wir. Das ist selbstverständlich grober Unfug. Oder haben Sie schon einmal einen Platten an einem Fahrrad geflickt, indem Sie ein Dreieck mit Zirkel und Geodreieck verschoben haben? Genau, ich auch nicht. Mir ist auch noch kein Klempner untergekommen, der gesagt hat: „Bei verstopften Abflüssen hilft immer Schillers Glocke. Damit bekommen wir jedes Rohr frei.“ Und der Bankberater gewährt einem auch keine besseren Kreditkonditionen, wenn man ihm den Prozess der Photosynthese erläutert.

Trotzdem sollten wir das schlichte Sprüchlein von Seneca nicht gleich verwerfen. Gerade in Mathematik ist es wichtig, dass die Aufgaben einen Bezug zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler haben. Nur dann sehen sie ein, dass beispielsweise Distributiv-, Kommutativ- und Assoziativgesetz nicht ausschließlich dazu da sind, sie zu gängeln, sondern möglicherweise eine ganz praktische Bedeutung haben können.

Matheaufgaben aus dem Unreal Life

Wenn Sie sich mal die Mühe machen und die Mathebücher Ihrer Kinder durchblättern, werden Sie feststellen, dass die meisten Aufgaben in Mathematikbüchern so viel mit der Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen zu tun haben wie ein niveauvoller Witz mit Fips Asmussen. Nehmen wir beispielsweise diese Aufgabe:

Zwei U-Bahnen fahren die Strecke zwischen den Stationen ‚Schlossallee‘ und ‚Parkstraße‘. Bahn A startet an der ‚Schlossallee‘ und benötigt 12 Minuten bis zur ‚Parkstraße‘, während Bahn B zur gleichen Zeit bei ‚Parkstraße‘ losfährt und nach 9 Minuten an der ‚Schlossallee ankommt. Wann treffen sich die beiden Bahnen auf der Strecke?

Die meisten Kinder werden von ihren Eltern ständig mit dem Auto rumkutschiert und auch zur Schule gefahren. (Gerne auch mal mit dem SUV bis ins Klassenzimmer.) Warum sollten sie sich da für irgendwelche ÖPNV-Berechnungen interessieren?

Auch nicht besser ist folgendes Beispiel:

Susi kauft sich drei CDs. Eine CD kostet 7 Euro. Wie viel muss Sie insgesamt bezahlen?

Die Schülerinnen und Schüler fragen sich bei so einer Aufgabe: „Was zur Hölle sind CDs?“ Und Sie als Eltern fragen sich: „Wo zur Hölle gibt es CDs für 7 Euro? Da muss ich hin!“ Viel weiter weg von der Lebenswirklichkeit von Kindern (und Eltern) kann eine Matheaufgabe nicht sein. Außer vielleicht diese Rechenaufgabe:

Auf einer Fahrt durch Neuengland schickten jeder der 23 Teilnehmer der Reisegruppe ‚Studiosus‘ 4 Ansichtskarten aus Massachusetts, 2 aus Maine und 3 aus Vermont. Wie viele Karten sind das insgesamt?

Für die Schülerinnen und Schüler wäre die Aufgabe nicht abstruser, wenn gefragt würde, wie viele Brieftauben die Reisenden verschicken. Bevor sie überhaupt anfangen können, irgendwas zu rechnen, muss ihnen erstmal erklärt werden, was eine Postkarte ist. Haben sie dann verstanden, dass es sich quasi um ausgedruckte Instagram-Posts handelt, schütteln sie fassungslos den Kopf, was das wohl für ein Haufen Loser ist, die alle kein Handy haben.

Mathelernen mit YouTube

Dabei ist es doch gar nicht so schwer, sich Aufgaben auszudenken, mit denen sich Schülerinnen und Schüler täglich beschäftigen. Wie wäre es mit dieser?

Der Akku deines Handys verbraucht in der Stunde 13 Prozent Energie. Wie lange kannst du noch YouTube-Videos anschauen, wenn der Akkustand aktuell 41 Prozent beträgt?

Da jedem Kind schon einmal das Handy mitten im Clip abgeschmiert ist, merken sie bei dieser Aufgabe, dass ein paar mathematische Grundkenntnisse nicht schaden. Ihnen ist die YouTube-Glotzerei Ihrer Kinder vielleicht ein Dorn im Auge und Sie finden es befremdlich, wenn diese auch noch durch Matheaufgaben befördert wird. Bedenken Sie aber, dass diese mathematische Kompetenz Ihnen ein Kind erspart, dass einen Nervenzusammenbruch erleidet, weil das neue Video von Julian Bam abbricht.

Oder wie wäre es mit ein bisschen Teenie-Alltag in dieser Matheaufgabe?

Du hast dir einen YouTube-Channel angelegt. Mit jedem Video bekommst du 423 neue Fans. Wann hast du die zwei Millionen-Marke geknackt und wirst von Firmen dafür bezahlt, durch die Welt zu reisen und ihre Produkte zu benutzen?

Da nahezu jeder Teenie den Berufswunsch YouTuber hat, werden Sie sehen, wie auch Ihr Kind plötzlich im Kopf mit drei- bis sechsstelligen Zahlen dividieren kann. Beschreien Sie jetzt bitte nicht in bester kulturpessimistischer Manier den Untergang des Abendlandes durch die um sich greifende YouTube-Verblödung. Wenn Ihr Kind erstmal YouTube-Millionär ist, können Sie ihren Lebensabend auf einer Finca auf Mallorca verbringen. Da kann es Ihnen dann egal sein, wie dumm der Rest der Menschen geworden ist.

Die Fußboden-Müslischalen-Problematik

Hier eine weitere Aufgabe, die so richtig aus dem Leben von Jugendlichen gegriffen ist.

Dein Zimmer ist 4,11 Meter lang und 3,23 Meter breit. Eine Müslischale misst 8 Zentimeter im Durchmesser. Wie viele Schälchen mit angetrockneten Haferflockenresten kannst du auf dem Boden abstellen, bis dieser vollkommen bedeckt ist?

Auch diese Aufgabe ist für Sie als Eltern hilfreich. Wenn Sie bei Ihrem Kind das Ergebnis kontrollieren und es richtig ist, wissen Sie, wie viele Müslischalen kaufen müssen, damit Sie ab und an auch Cornflakes essen können.

Win-win für Kinder und Eltern

Sie sehen, realitätsnahe Matheaufgaben helfen nicht nur, Kindern die Welt der Zahlen und des Rechnens näher zu bringen, sondern haben auch einen ganz praktischen Alltagsnutzen für Eltern. Im nächsten Beitrag der „Make Mathematik great again“-Serie lesen Sie, wie Sie im Alltag immer wieder mathematische Fragestellungen mit Ihrem Kind bearbeiten können, so dass es irgendwann dann auch mit der 1 in Mathe klappt. Also, vielleicht nicht beim Kind, aber wenigstens bei Ihnen.