Mathematik ist anscheinend ein Schulfach, das mehr Schrecken verbreitet als Freddy Krueger in der Elm Street. Laut einer repräsentativen Umfrage aus dem November 2016, die im Auftrag der Lernplattform Scoyo und der Stiftung Rechnen unter mehr als 500 Kindern durchgeführt wurde, haben knapp zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 bis 7 Angst vor Mathe. Bei den 11-13-jährigen Mädchen sogar jede Dritte. Der Matheunterricht scheint ein trostloser Ort zu sein. Es ist quasi das Mordor unter den Schulfächern.

Persönlich kann ich diese Furcht vor der Mathematik sehr gut nachvollziehen. Seit mehr als 20 Jahren verfolgt mich ein wiederkehrender Alptraum, in dem ich mein Mathe-Abitur erneut schreiben und dabei die Gleichung für eine kubische Parabel errechnen soll. Als Leser eines Mathematik-Blogs wissen Sie wahrscheinlich, was eine kubische Parabel ist. Damit haben Sie mir einiges voraus. Ich wusste es damals nicht und heute ebenso wenig.

Damit Kinder Spaß am Umgang mit Zahlen haben, braucht es eine Kampagne, mit der sich die Mathematik von ihrem furchteinflößenden Image befreit und ihre Popularitätswerte steigert. Dazu ist wohl kein Slogan besser geeignet, als der, mit dem es ein sexistischer, rassistischer, narzisstischer Egomane, der ein gestörtes Verhältnis zur Wahrheit pflegt, geschafft hat, ins mächtigste Amt der Welt gewählt zu werden:

Make Mathematik great again!

In einer Reihe von Artikeln, die in den nächsten Monaten hier auf SUMMA erscheinen werden, möchte ich Ihnen skizzieren, wie eine solche Kampagne Kindern die Angst vor der Mathematik nehmen kann. Im heutigen Beitrag geht es um mathematische Vorbilder. Denn damit sich Kinder für Mathematik begeistern können, brauchen sie Idole, denen sie nacheifern wollen.

Mathematische Rockstars der Antike

Im antiken Griechenland genoss die Mathematik höchste Wertschätzung und ihre Vertreter wurden als Stars verehrt. In der heutigen Zeit hätte Thales einen YouTube-Kanal („Der neuste heiße Scheiß rund um den Kreis“) mit Millionen von Followern, Pythagoras würde mit kostenpflichtigen Snapchat-Filtern mit dreieckigen Hüten ein Vermögen verdienen, Archimedes würde mit seinen Shows, bei denen er die Welt aus den Angeln hebt, Stadien rund um den Globus füllen und Euklid hätte gut dotierte Werbeverträge mit Autofirmen, Luxusuhren-Herstellern und Kreditkartenfirmen.

Mathe-Stars, wo seid ihr?

Heutzutage ist das Rockstar-Potenzial unter praktizierenden Mathematikern dagegen eher überschaubar. (Dies schreibe ich mit größtmöglichem Respekt vor den vielen Mathematik-Professoren, die hier auf SUMMA regelmäßig schreiben.) Der einzige Mathematiker, von dem ab und an in den Massenmedien berichtet wird, ist der Russe Grigori Jakowlewitsch Perelman. Dieser hat 2002 mit der Poincaré-Vermutung eines der größten Rätsel der Mathematik gelöst. Als mathematisches Massenidol taugt Perelmann allerdings nicht so richtig. Er ist ein zotteliger, rauschebärtiger Sonderling, der das Eine-Millionen-Dollar-Preisgeld für seine mathematische Meisterleistung nie annahm. Außerdem wohnt er im Alter von 60 Jahren immer noch bei seiner Mutter. (Ein Floh, den wir unseren Kindern gar nicht erst ins Ohr setzen wollen!)

Cristiano Ronaldo, Mathe-Gott

Zum Glück gibt es aber in der kindlichen Lebenswelt genügend Stars, die sich zu mathematischen Vorbildern aufbauen lassen. Beispielsweise der Fußballer Cristiano Ronaldo. Das mag Sie jetzt vielleicht erstaunen, denn Sie haben den Portugiesen bisher möglicherweise nicht gerade als intellektuellen Überflieger eingeschätzt.

Für seine gefürchteten Freistöße und Torschüsse muss er aber Entfernungen abschätzen, Anlaufgeschwindigkeiten planen und den Steigwinkel des Balls perfekt berechnen. Er ist quasi ein Rechen-Genie. Nur dadurch kann er seine zahlreichen Tore erzielen, die er dann mit nacktem Oberkörper vor der Fankurve feiert. Eine Verhaltensweise, die auf der Jahrestagung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung wohl eher selten zu beobachten ist. Und das ist wahrscheinlich auch gut so.

Ronaldo als Mathematik-Idol und die Aussicht auf fußballerischen Ruhm und damit einhergehenden Reichtum sollte Kinder außerordentlich motivieren, sich zukünftig mit Freuden der Mathematik zu widmen. Und wenn die Milliarden auf ihren Konten gelandet sind, können die Kinder bei den Finanzberatern von Cristiano Ronaldo einen Kurs in fortgeschrittener Finanzmathematik belegen (Arbeitstitel: „Nur hinterzogene Steuergelder sind gute Steuergelder“).

Finger weg von Pippi Langstrumpf

Allerdings eignen sich nicht alle Kinderhelden als Mathematik-Vorbilder. Zum Beispiel Pippi Langstrumpf. Bei der ergibt nämlich zwei mal drei gleich vier und drei mal drei ist sechs. Laut dem Pippi-Langstrumpf-Lied hat sie ein eigenes Einmaleins, das sie ihren Fans bereitwillig beibringen möchte. Aus erkenntnistheoretischer Sicht des Konstruktivismus ist dies möglicherweise akzeptabel, mit Blick auf die nächsten Klassenarbeiten Ihrer Kinder aber eher problematisch. Und wenn sich Ihre Kinder erstmal mit den alternativen Rechenergebnissen der rothaarigen Göre durchgesetzt haben, wollen sie als nächstes ein Äffchen und ein Pferd. Das sind dann auch keine schönen Diskussionen.

Mathelernen mit den YouTube-Zwillingen

Während Astrid-Lindgren-Figuren also nicht als mathematische Vorbilder dienen können, bieten sich dafür die Stars der sozialen Medien an. Beispielsweise die „Lochis“. Höchstwahrscheinlich haben Sie als Eltern noch nie von den „Lochis“ gehört, aber dafür Ihre Kinder. Es handelt sich dabei um die 18-jährigen Zwillinge Roman und Heiko Lochmann, die auf YouTube mit ihren Comedy- und Quatsch-Videos Millionen von Followern gesammelt haben. 2016 haben Sie außerdem eine CD mit eigenen Liedern herausgebracht, die auf Platz 1 der deutschen Alben-Charts landete.

Sie fragen sich jetzt vielleicht, wie diese YouTube-Knaben, ihre Kinder für Mathematik begeistern können. Ganz einfach: Als Zwillinge müssen die „Lochis“ immer alles teilen. So können Sie im Alltag immer wieder mit Ihren Kindern das Dividieren üben. „Du hast jetzt 30 Gramm Schokolade. Wie viel Schokolade hätten denn der Roman und der Heiko?“ (Die können sich selbstverständlich von ihrem YouTube-Geld jeder eine eigene 300-Gramm-Tafel kaufen, aber das tut hier nichts zur Sache.) Oder: „In deinem Glas sind 200 Milliliter Orangensaft. Wieviel könnten der Roman und der Heiko trinken?“ (Die korrekte Antwort: Auch 200 Milliliter, weil sie ihren halben O-Saft mit Campari auffüllen. So können Sie gleich das Thema verantwortungsvoller Alkoholgenuss mit der Mathematik verbinden.)

Sie sehen, Ihrer Fantasie sind bei den Lochis-Mathe-Aufgaben keine Grenzen gesetzt. Möglicherweise werden Ihre Kinder sich dadurch aber gar nicht an der Mathematik erfreuen, sondern stattdessen die „Lochis“ hassen und nie wieder deren Lieder hören wollen. Das wäre ebenfalls ein schöner Effekt und da ist es dann auch gar nicht so wichtig, ob Ihr Kind ein Mathegenie wird oder nicht.

Freuen Sie sich auf den nächsten Beitrag zu „Make Mathematik great again“, wenn es um alltagsrelevante Matheaufgaben für Ihre Kinder geht. Zum Beispiel: „Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass meine Eltern nicht merken, dass ich mein Zimmer gar nicht aufgeräumt, sondern alles nur in Schubladen und unter mein Bett gestopft habe?“