Der Schweizer Leonhard Euler (*15. April 1707, † 18. September 1783) war einer der bedeutendsten Mathematiker. Ein großer Teil der heutigen mathematischen Symbolik ist sein Verdienst. Sein Lehrbuch der Variationsrechnung von 1744 ist bis heute wegweisend. Euler gilt zudem als einer der Begründer der Analysis. 1748 publizierte er das Grundlagenwerk „Introductio in analysin infinitorum“, in dem zum ersten Mal der Begriff „Funktion“ eine zentrale Rolle spielt. Leonhard Euler hat uns aber auch vorgerechnet, wie man geschickt aus zwei Pferden mit nur einem Schreiben vier machen kann. Dazu unten mehr.

Euler war jedoch nicht nur für die Mathematik wichtig, auch in der Physik tat er sich mit vielen neuen Erkenntnissen in der Hydrodynamik oder der Optik hervor. Daneben war er an der Eindeichung des Oderbruchs in Brandenburg beteiligt und entwarf die Pläne für den Bau des Finow-Kanals, der die Havel mit der Oder verbindet. Mit der Schrift „Tentamen novae theoriea musicae“ schuf er eine auf mathematischen Gesetzen aufbauende Musiktheorie. Schiffsbau und Ballistik waren weitere Bereiche, mit denen sich Euler beschäftigte. Insgesamt sind je nach Angaben zwischen 860 – 900 Publikationen des Mathematikers bekannt.

Seine unglaubliche Produktivität erklärte Euler selbst mit der Liebe zu seinen Kindern. Mit einem Kind auf dem Arm denke es sich besser, ganz besonders in einer tobenden Kinderschar, behauptete er. Kinder gab es im Hause Euler genug, denn auch als „Privatmann“ war der Sohn eines Pfarrers äußerst produktiv. Mit seiner Ehefrau Katharina Gsell zeugte er insgesamt 13 Kinder, sieben davon in seiner Berliner Zeit.

Nach Berlin kam Leonhard Euler 1741. Bereits als 13-Jähriger war der im April 1707 in Basel geborene Euler an der dortigen Universität eingeschrieben und machte im Alter von 16 Jahren seinen Master-Abschluss. Eine angestrebte freie Professur für Physik an dieser Universität allerdings blieb ihm verwehrt und so ging er – laut zeitgenössischen Berichten ziemlich enttäuscht – 1727 nach St. Petersburg, um an der Neugründung der dortigen Akademie der Wissenschaften mitzuarbeiten. Bald wurde der preußische König Friedrich II. auf ihn aufmerksam und bot ihm an, an der Berliner Akademie der Wissenschaften zu forschen und zu arbeiten. An dieser Berliner Wissenschaftseinrichtung erhielt Euler 1746 die Position des Direktors der mathematischen Klasse. Euler kaufte ein Haus in der heutigen Behrenstraße 21 im Zentrum der Stadt. Im Jahre 1753 erwarb er ein Landgut im kleinen Dorf Lietzow, das damals noch außerhalb Berlins lag, heute zum Bezirk Charlottenburg gehört. Von da an lebte seine große Familie auf diesem Gut – einschließlich seiner verwitweten Mutter. Er selbst blieb in Berlin.

Seine Beziehungen zu Russland und St. Petersburg hielt er jedoch weiterhin aufrecht. Häufig empfing er russische Mathematiker, die dann auch in seinem Haus lebten. Die zeitlichen Umstände im Berlin dieser Zeit waren unruhig und geprägt von den Schlesischen Kriegen. Obwohl Friedrich II, im Volksmund auch als Alter Fritz bekannt, ein durchaus aufgeklärter Monarch war und sich selbst als „Erster Diener des Staates“ bezeichnete, war er immer wieder in diese Kriege um Schlesien involviert. 1763 – am Ende des letzten, des  „Siebenjährige Krieges“ – war Preußen als fünfte Großmacht neben Großbritannien, Frankreich, Österreich und Russland anerkannt. Aber es gab zuvor auch Rückschläge. Die gegnerische Allianz aus Russland, Sachsen und Österreich besiegte 1759 bei Kunersdorf das Heer von Friedrich II. und besetzte 1760 sogar vorübergehend Berlin. In Folge dieser Besetzung wurden viele Dörfer im Berliner Umland geplündert, so auch das Dorf Lietzow und damit ebenfalls Eulers Landgut. Zwar hatte der russische Graf Chernishef – in Würdigung der Arbeit Eulers für die Petersburger Akademie – zwar bestimmt, das Gut der Familie Euler vor Plünderung zu schützen. Doch dieser Erlass erreichte die marodierenden Truppen zu spät.

Damit beginnt die Geschichte der anfangs erwähnten Euler’schen Pferdeverdoppelung: Euler beschwerte sich nämlich umgehend beim Historiker Gerhard Friedrich Müller, dem ewigen Sekretär der Russische Akademie der Wissenschaften, über diesen Raub und verlangte einen Schadensersatz. „Ich habe immer gewünscht, dass Berlin besetzt sein sollte von russischen Truppen, wenn es jemals von ausländischen Truppen besetzt werden sollte. Doch der Besuch der russischen Offiziere führte zu erheblichen Schäden,“ schrieb er. Und er zählte auch seine geraubten Besitztümer auf: Er habe u.a. vier Pferde, zwölf Kühe sowie viel Hafer und Heu verloren. Alle Möbel des Hauses seien ruiniert worden. Der angerichtete Schaden belaufe sich insgesamt also auf mehr als 1.100 Imperial Taler,  alles in allem mindestens 1.200 Rubel.

Aus noch vorhandenen Unterlagen der damaligen Zeit geht aber eindeutig hervor, dass Eulers Angaben etwas „nach oben“ gerechnet waren. Offiziell hatte Euler u.a. nur zwei Pferde besessen. Zarin Katharina von Russland jedoch ließ sich nicht lumpen und gewährte die Erstattung der genannten Werte. Sie bat den Mathematiker außerdem, wieder an die Akademie nach Petersburg zurückzukehren. Euler verkaufte schnell noch sein Landgut mit großem Gewinn, folgte 1766 dem Ruf der russischen Herrscherin und kehrte an die Petersburger Akademie zurück. In die Schweiz ging er nie mehr, offensichtlich auch nicht nach Berlin. 1783 starb Leonhard Euler in St. Petersburg.

Der ebenfalls sehr bedeutende Mathematiker Henri Poincaré nannte Leonhard Euler einmal den „Gott der Mathematik“. Eine Bezeichnung, die, folgt man der christlichen Auffassung des „einzigen“ Gottes, sicherlich etwas übertrieben ist. Glaubt man allerdings der griechischen Mythologie einer „Götterwohngemeinschaft“ auf dem Berg Olymp, dann ist Leonhard Euler dort sicherlich ebenfalls zu finden: als Physiker,  als hoch produktives wissenschaftliches Genie und als genialer Mathematiker, der durchaus – auch zum eigenen Vorteil – ganz gut rechnen konnte.