Die Würfel sind gefallen. Wahlbeben. Deutschland hat gesprochen.
Diese Schlagzeilen haben ihre Berechtigung, leisten aber nichts außer einem Blick zurück. Jetzt gilt es konstruktiv nach vorne zu arbeiten, die neuen Fakten dienen dafür als Basis. Die Einsätze sind bekannt, die jeweiligen Ziele auch. Es darf gepokert werden.

Es geht nun darum, alle Optionen auszuloten und die bestmögliche davon durchsetzen. Das ist der Fokus eines Profis; am Pokertisch wie auf politischem Parkett. Jede wichtige Partie beginnt weit vor dem ersten Blatt. Mit diesem Wissen werden die handelnden Personen nun aufeinander zugehen und dabei genau wissen, was sie von wem zu erwarten haben. Überraschungen scheinen ausgeschlossen, und dennoch ist das Ergebnis ungewiss.

Beim Taxieren seines Gegenübers liegt man nicht überall richtig. Bei mehreren Gegnern ist es nahezu unmöglich, und dennoch bleibt es die beste Wahl, mutig die Startparameter einzuschätzen und diese dann mit dem Auftreten neuer Informationen zu verfeinern. Für bewusstes, möglichst sinnvolles Entscheiden von Beginn an braucht es beides: Mutige Annahmen sowie die Demut, diese ggf. zu korrigieren.

Die bevorstehende Koalitionsrunde spielt sich für die AfD entscheidungstheoretisch am einfachsten. Sie hatte ein eindeutiges Ziel: Die Opposition. Dieses wird sie auch mit Sicherheit erreichen. Ihr Außenbild ist durch das gesamte Spektrum eindeutig. Niemand möchte etwas mit ihr zu tun haben, jeder distanziert sich. Daraus ergeben sich insbesondere zwei Konsequenzen, nämlich erstens: Dass die AfD ihr eigenes Außenbild klar einschätzen kann – sie sind diejenigen, die nicht an den demokratischen Tisch gehören. Die AfD darf zweitens somit davon ausgehen, dass die einzigen Bälle, die ihr zugespielt werden, Profilierungsversuche aus allen Ecken sein werden. Diese dann rhetorisch geschickt zu kontern und damit sich selbst in Szene zu setzen, ist und bleibt ihr einziger Zweck. Ein Heimspiel.

Für die Linke ergibt sich aus der neuen Zusammensetzung des Bundestags eine einmalige Chance. Bislang war sie irgendwie immer das fünfte Rad am Wagen. Stellt sie es nun geschickt an, fährt die Politkutsche künftig mit 5 aktiven Rädern! Diese Wahl hat viel verändert. Der klassische „Vierer“ aus zwei Großen und zwei Kleinen existiert nur mehr im Gewohnheitsdenken. Faktisch kann in der Mitte längst jeder mit jedem. Die Linke hat nun strategisch ihre Hausaufgaben zu machen. Möchte sie langfristig den linken Rand besetzen und ausschließlich „Mist! Mist! Mist!“ rufen oder möchte sie von links gestaltend mitwirken? Aktuell hat sie das Privileg über beide Zukunfts-Szenarien nachdenken zu dürfen. Denn die Rolle des unerwünschten Gastes ist ja nun anderweitig vergeben.

Den Heldenstatus des anstehenden Koalitionspokers hat jetzt schon die SPD. Martin Schulz hat viel hinter sich. Er stand immer wieder auf und erledigte rechtschaffen sein Tagwerk. Dem gebührt Respekt. Stellvertretend für seine Partei hat er den Gegenkandidaten gemimt und somit insbesondere verhindert, dass aus dem klassischen Kampf „Rot gegen Schwarz“ ein „Hauptsache gegen Merkel“ wurde. Wir sollten uns dankbar verneigen. Viel zu laut preisen wir stets die Helden, die einen Brand löschen. Selten wird jemand gefeiert, einfach weil es erst gar nicht brannte! In diesem Licht gefällt der klare Schritt der Partei, mit Martin Schulz in die Opposition zu gehen und dort eine für unser Land wichtige Aufgabe vorzubereiten. Sie verlassen aus meiner pokertechnischen Sicht zu Recht diese Partie, schöpfen Klarheit und Kraft für eine künftige Runde.

So bleiben noch drei aktiv am Tisch. Eine Schicksalsgemeinschaft: Jamaika. Die Führung hat Federn gelassen, grün und gelb hingegen haben zugelegt. So die relative, dynamische Betrachtung. Andererseits sitzt Angela Merkel absolut fest im Sattel, vereint selbst ohne den bayerischen Ableger mehr Stimmen hinter sich als die beiden Gewinner des Trios zusammen. Es scheint klar, dass alle wollen und entgegen der Erwartung vieler, haben sowohl Christian Lindner als auch Anton Hofreiter direkt gänzlich andere Töne gegenüber den jeweils anderen angeschlagen als noch tags zuvor. Man will es versuchen. Man wird es versuchen.

Die Verhandlungen versprechen spannend zu werden und mehr denn je kommt es auf die optimale Vorbereitung an: Mit wem hat man es zu tun? Was sind die eigenen Ziele? Welche davon sind offenkundig, welche verdeckt? Wo liegen individuelle Stärken? Was mäßigt oder eskaliert die Stimmung am Tisch? Was kann man sich leisten und wo liegt das eigene Limit? Wer kann seine Vorstellungen möglichst klar umsetzen, ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren? Antworten auf diese Fragen zu finden, ist die hohe Kunst der Verhandlung, des Pokerns.

Angela Merkel fällt dabei eine besondere Aufgabe zu. Sie muss das Regierungsboot so attraktiv gestalten, dass die anderen an Bord kommen können. Sie weiß, welche Angebote sie dazu machen muss. Sie kann ziemlich genau abschätzen, ab wann FDP und Grüne einsteigen. Im Showdown dieser beiden Zugewinner dieser Wahl wird das eigentliche Pokerspiel um unsere Zukunft stattfinden.

Anders als am Pokertisch, kann es in der Politik mehr Gewinner als Verlierer geben. Dazu bedarf es Größe, Mut und Weitsicht. Ob die handelnden Personen diese Eigenschaften immer an den Tag legen, werden wir alle in den kommenden vier Jahren beobachten dürfen. Schon jetzt wünsche ich allen ein glückliches Händchen für einen gelungen Start.