Der 7-Tage-Inzidenzwert trat in mein Leben als ich einem Fan-Gespräch meines Fußball-Heimatvereins, dem SSV Jahn Regensburg, interessiert zuhörte.
Einen Tag vor dem aktuellen Heimspiel ist bereits klar, dass es ohne Zuschauer stattfinden wird, weil nämlicher Wert für den Spieltag nicht mehr unter die relevante Schranke fallen kann.

Da steckt unglaublich viel Information drin, es wirft weitreichende Fragen auf und es bietet auch Lösungen für die Zukunft. Wie ich die Mathematik doch liebe!

Also: Dass bei einer komplexen Veranstaltung offenbar ein tagesaktueller Wert extrem kurzfristig existenziell entscheidend ist, lässt mich nicht kalt. Mir tun so viele Menschen hier aufrichtig Leid. Im Kleinen wie im Großen müssen Entscheidungen unter absoluter Unsicherheit getroffen werden. Kauf ich Würste für 1.000 Leute ein und bleib dann vielleicht drauf sitzen? Oder lass ich es bleiben und hab dann nix, wenn doch Leute kommen? Statt der Würste kann man dabei so vieles setzen, im Kleinen wie im Großen. Jeder Fan hat seine Freizeit eingesetzt, viel Vorfreude und Hoffnung reingesteckt. Die Stadt muss über Personal z.B. für Transport, Sicherheit und Reinigung entscheiden …

Auch an die Stelle des Fußballspiels kann man beliebig anderes setzen. Denn ja, es ist nur ein Fußballspiel, nichts systemrelevantes. Aber wo beginnt echte Relevanz? Man stolpert da ganz schnell ganz tief in gesellschaftliche Fragen. Für diesen Beitrag will ich es einfach beim Beispiel Ballspiel belassen und aus diesem hier und jetzt für die Zukunft lernen.

Ich hörte also, dass ein 7-Tage-Wert einen Tag vor seiner eigentlichen relevanten Messung die maßgebliche Schranke bereits überschritten hat. Das allein klärt über vieles auf. Bestimmt handelt es sich um eine gleitende Summe: Jeden Tag kommt ein neuer Wert hinzu und der jeweils älteste fällt raus. Offenbar sind schon die jüngsten 6 der aktuellen 7 Daten als Summe größer als es die Schranke erlaubt. Somit würde selbst ein perfektes Ergebnis für den jüngsten Tag nichts mehr heilen. Denn im besten Fall käme eben keine neue Infektion hinzu.

Wenn ich jetzt noch verstehe, dass Nachrichten über Infektionszahlen keine „News“ sind, sondern uns mit etwa 10 Tagen Verzögerung erreichen, so zeichnet sich ein klares Bild ab. Anders als bei den restlichen Nachrichten in der Tagesschau blicken wir nicht auf das Tagesgeschehen, sondern auf den Krankenstand der Nation von vor ca. 10 Tagen. Dass also die Zahlen “heute“ bereits einen Rekordstand vermelden und dass die letzten 10 Tage wenig sonnig, eher nasskalt waren und dazu auch keine großen Verhaltensänderungen in der Gesellschaft passierten, macht die Prognose für in 10 Tagen glasklar:

Wir haben einen weiteren exponentiellen Sprung vor uns. Denn was wir in 10 Tagen sehen werden, ist bereits passiert. Es dauert eben nur, bis der Postbote den entsprechenden Bescheid im Briefkasten ablegt. Für Corona haben wir noch keine Echtzeitinformation, hier gibt es noch keine „E-Mail“: Unsere Nachrichten hier sind eher noch wie in den alten Zeiten per Ross und Reiter unterwegs; rückblickend übrigens eine Hochzeit fürs Regensburger Haus Thurn und Taxis.

Das nächste Heimspiel des SSV steht in gut zwei Wochen an. Sollten hierfür die Spielregeln unverändert bleiben und sollte dann wieder gelten, dass nämlicher Wert und nämliche Schranke entscheidend ist, ob man mit oder ohne Zuschauer spielt, so ist bereits heute klar, dass man keine Würste vorhalten braucht … Auf vergleichbare Weise empfehle ich für die kommenden Wochen beruflich wie privat zu entscheiden:

Wetterlage und gesellschaftliches Verhalten der letzten knapp zwei Wochen haben bereits vorgegeben, was wir in den nächsten zwei Wochen nachrichtlich präsentiert bekommen. Und erst diese entscheiden dann über die Regeln und den Rahmen, nach denen wir in den dann anschließenden zwei Wochen leben dürfen. Denn ja, es bleibt ein Dürfen. Unterm Strich bin ich der Überzeugung, dass wir gut mit den großen Herausforderungen dieses Jahres umgehen. Ich bin froh und dankbar, dass ich die Pandemie als Deutscher erleben darf. Und nein, man muss sich in zwei Wochen nicht erneut überrascht oder gar schockiert zeigen. Es ist alles schon heute passiert.