Vor einigen Jahren machte der  Psychologe Alexander Todorov von der Princeton University einen bemerkenswerten Test: Er zeigte seinen Studenten einen kurzen Augenblick Portraitfotos von jeweils zwei ihnen unbekannten Männern und forderte sie dann auf, spontan zu entscheiden, welche der beiden Personen in ihren Augen kompetenter wirkt. Was die Studenten nicht wussten: Bei den Paarungen handelte es sich um reale Politiker, die bei unterschiedlichen Wahlen gegeneinander antraten. Das verstörende Ergebnis: In 70 Prozent aller Fälle entsprachen die Entscheidungen der Studenten dem tatsächlichen Wahlgewinner! Nicht, weil er möglicherweise kompetenter als sein Gegner war, sondern weil er den Wählern lediglich kompetenter erschien.

Selbst bei so etwas Wichtigem wie einer politischen Wahl spielen für uns Rationalität und logische Argumente offenbar eine untergeordnete Rolle. Vernunft kann uns davor bewahren, als kompletter Idiot dazustehen, aber sie wird uns nicht davon abhalten, unsere Stimme einer Flachpfeife mit tollem Haarschnitt zu geben.

Der Grund liegt vermutlich in unserer evolutionären Prägung. In der Steinzeit konnte man es sich oft nicht leisten, ewig lang rationale Argumente gegeneinander abzuwiegen. Man musste sich auf sein Gefühl verlassen.

Wenn Sie vor 150 000 Jahren als männlicher Homo sapiens an ein Wasserloch gekommen sind und auf einem fremden Artgenossen trafen, mussten Sie vier simple Fragen beantworten: Männlich oder weiblich? Wenn weiblich, paarungsbereit oder nicht? Wenn männlich, Freund oder Feind? Wenn Feind, stärker oder schwächer? Innerhalb von Sekundenbruchteilen mussten Sie eine klare Entscheidung treffen. Sonst gab es nichts mehr zu entscheiden. Kein Meeting, kein Coaching, keine Mediation, kein Telefonjoker. Vier simple Fragen, eine Entscheidung.

Und dann kam Starbucks. Zehn, 12 Entscheidungen, nur, um einen blöden Kaffee zu bekommen. Ein Vorgang, bei dem der Frühmensch wahrscheinlich schon nach der Frage „Tall, grande oder venti?“ die Steinaxt gezogen hätte.

Evolutionsbiologisch ist unser Gehirn nicht primär für die Wahrheitsfindung konstruiert.Genaugenommen ist unserem Gehirn die Wahrheit vollkommen wurscht. Dadurch glauben wir auch heute nicht unbedingt das, was wahr ist, sondern, das, was sich wahr anfühlt. Wenn zum Beispiel Statistik gegen Geschichten antritt, verlieren die Zahlen. Persönliche Erfahrungen schlagen die robustesten Doppelblindstudien. Da können Sie noch so wissenschaftliche, seriöse, randomisierte, placebokontrollierte Metastudien anführen, sobald einer am Tisch sagt: „Isch hab meim Hund letzte Woch‘ Annika D30 gegebbe, un seitdem is sein Durchfall wie weggeblase …“, erntet er anerkennendes Kopfnicken. Das klappt allerdings nur, wenn er sympathisch und vertrauenserweckend ist. Als RWE-Manager sollten Sie es auf jeden Fall vermeiden, bei Anne Will in die Runde zu rufen: „Also die Neurodermitis von unserem Jan-Niklas ist deutlich besser geworden, seit ich ihn einmal pro Woche ins Abklingbecken von Biblis tauche …“

Zahlen und Statistiken liefern zwar wertvolle Erkenntnisse, aber sie überzeugen uns eher wenig. Warum das so ist, erläutere ich näher in meinem neuen Buch „UNBERECHENBAR – Warum das Leben zu komplex ist, um es perfekt zu planen“.

Spektakuläre, zu Herzen gehende Einzelfälle oder Anekdoten liefern keinen grundsätzlichen Erkenntniswert, aber sie überzeugen die Menschen. Das ist sogar statistisch nachgewiesen. Aber Statistik wiederum überzeugt die Leute ja eben nicht.

Bei den meisten unserer Ansichten pfeifen wir auf Fakten, wir glauben einfach. Und wir glauben vornehmlich das, was emotional besetzt ist oder was sich gut anfühlt. Wäre es nicht schön, wenn sich mit billigen Zuckerkügelchen Krankheiten heilen ließen? Wenn wir essen könnten, soviel wir wollen und trotzdem nicht dick werden? Wenn wir mit Sonne und Wind eine ganze Industrienation versorgen könnten? Das wäre doch super! Und deshalb fallen wir auf jeden Quatsch rein, der zu gut ist, um wahr zu sein. Schnelle Heilung, schnelles Geld, totsicherere Karrierestrategien, Blitz-Diäten.

Es sind nicht Unwissen oder mangelnde Intelligenz, die so viele Menschen Irrtümern, Mythen oder Ideologien hinterherhängen lassen. Nicht das, was man nicht weiß, bereitet einem Schwierigkeiten, sondern das, was man ganz sicher zu wissen glaubt, aber falsch ist. Kinder zum Beispiel glauben nicht deswegen an den Weihnachtsmann, weil sie naiv oder dumm sind. Sie glauben daran, weil sie ihre Informationen von Quellen haben, denen sie vertrauen: ihren Eltern. Welche vertrauensvollen Quellen haben Sie?