Regelmäßig lässt sich der medialen Berichterstattung entnehmen, dass Studierende immer länger für ihr Studium brauchen. Dabei wird oft auf die durchschnittliche Studiendauer verwiesen. Allerdings ist dabei Vorsicht geboten, da sich hinter der ausgewiesenen Kennzahl ggf. ein statistisches Artefakt verbergen kann. Denn sobald neue Studiengänge eingeführt werden, wird sich die durchschnittliche Studiendauer am Anfang von Semester zu Semester ganz von alleine erhöhen, wie man sich leicht überlegen kann. Der Grund liegt darin, dass nicht jeder sein Studium in der Regelstudienzeit abschließen wird. Wenn die ersten schnellen Studierenden ihren Abschluss in der Hand halten, fließen nur diese in die erste Berechnung der durchschnittlichen Studiendauer ein. Die anderen, die mit ihnen zusammen begonnen haben, aber etwas länger für ihr Studium brauchen, werden mit längerer Studiendauer erst in den kommenden Semestern Eingang in die durchschnittliche Studiendauer finden. Sie werden den Durchschnitt dann nach oben beeinflussen.

Stellen wir uns das Ganze einmal konkret anhand eines neuen Studiengangs mit sechssemestriger Regelstudienzeit vor. Das Studium kann dabei jedes Semester aufgenommen werden und pro Semester starten 120 Studienanfängerinnen und -anfänger. Von jeder neuen Kohorte beenden 60 Studierende ihr Studium erfolgreich nach sechs Semestern, 30 gelingt dieses nach sieben und 15 nach acht Semestern usw. Wenn nun die ersten Studierenden drei Jahre nach dem erstmaligen Angebot des Studiengangs erfolgreich in Regelstudienzeit ihr Zeugnis in der Hand halten, liegt für diesen Zeitpunkt die durchschnittliche Studiendauer bei genau sechs Semestern. Doch schon ein Semester später kommen zu den 60 dann neu in Regelstudienzeit fertigwerdenden Studierenden 30 hinzu, die aus der ersten Kohorte stammen und sieben Semester gebraucht haben. Die durchschnittliche Studiendauer liegt also schon bei 6,33 Semestern. Noch ein Semester später werden 60 Studierende in Regelstudienzeit von sechs Semestern fertig, 30 haben sieben Semester gebraucht und 15 beenden ihr Studium nach acht Semestern. Die durchschnittliche Studiendauer hätte sich also wiederum erhöht auf 6,57 Semester. D.h. die durchschnittliche Studiendauer würde kontinuierlich steigen – wenn auch mit abnehmenden Zuwächsen –, ohne dass die Studierenden im Laufe der Zeit zu Bummelstudenten würden. Im Gegenteil, an der Studiengeschwindigkeit hätte sich gar nichts geändert.

Dieser Effekt des statistisch verursachten Anstiegs der durchschnittlichen Studiendauer bis zum erfolgreichen Studienabschluss wird auch dadurch beeinflusst, dass Studiengänge häufig etliche Jahre (z. B. 10 Jahre) angeboten werden und dann – manchmal nur leicht modifiziert – neu ins Studienangebot aufgenommen werden. Hierdurch können im ursprünglichen Studiengang nur noch die verbliebenen Langzeitstudierenden zum Abschluss kommen. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Studiendauer im neuen Studiengang erst einmal wieder geringer, aber sie steigt anschließend wieder besonders stark an.

Und wie lässt sich dieser Effekt umgehen? – Am einfachsten ist es, für jeden Zeitpunkt eines Studienbeginns jeweils die Anteile der Studierenden anzugeben, die ihr Studium nach sechs Semestern bzw. nach sieben Semestern und so weiter beenden. In unserem Beispiel würde sich derart gemessen die Studiendauer gar nicht verändern. Aber diese Statistik ist natürlich auf den ersten Blick etwas komplizierter und aufwendiger in der vergleichenden Darstellung als die durchschnittliche Studiendauer. Wird aber letztere ausgewiesen und zeigt einen steigenden Trend über die Zeit an, kann ohne weitere Datenanalyse gar nicht beurteilt werden, ob sich die Studiendauer tatsächlich erhöht hat oder ob schlicht das Messkonzept nicht geeignet ist.