Auf einer Skala, die den Argwohn von Politik und Medien gegenüber Finanzprodukten in Zahlen fasst – das Wort „Hedgefonds“ würde nicht erst seit der Weltwirtschaftskrise auf den hintersten Plätzen rangieren. Wie so oft im Leben verhält es sich auch bei den Hedgefonds wie mit dem Hammer aus dem Baumarkt – man kann mit ihm Menschen erschlagen und gleichzeitig auch ganz legal einen Nagel in die Wand hauen. Denn in der Finanzwelt haben die Hedgefonds nicht zu unterschätzende, ganz und gar nicht negative Aufgaben.

Verlieren? Ja! Unbegrenzt? Nein!

„Hedge“, das bedeutet im angelsächsischen Sprachraum „einzäunen“. Mit dieser Beschreibung ist der Hedgefonds nicht seiner Funktion beraubt – denn Einzäunen beschreibt seine Aufgabe gut. Das Wort Zaun – in abgewandelter Form auch in der Flüchtlingsdebatte – suggeriert Sicherheit. Der Hedgefonds soll finanzielle Sicherheit bieten, indem er Fonds (was das ist war Bestandteil meines letzten Blogartikels) gegen Risiken absichert. An sich klingt das schon einmal schräg, denn ein Risiko legitimiert sich ja geradewegs aus der Erkenntnis, dass die Zukunft nicht vorhersehbar und dementsprechend Absicherung im Finanzmarkt unmöglich hist. Schließlich ist der Handel immer eine Wette auf die Zukunft.

Die Quadratur des Kreises umgeht der Hedgefonds auf kluge Weise – indem er einem Risiko ein höheres Risiko, aber damit eine ebenfalls höhere Gewinnaussicht, gegenüberstellt.
Wie funktioniert das konkret? Ein normaler Fonds, das hatten wir geklärt, verdient sein Geld ausschließlich in eine Richtung. Bei einem Aktienfonds etwa steigt der Kurs, wenn viele Anleger ihr Geld in die im Fonds eingebrachten Aktien investieren. Wer seine Aktie zu einem höheren Kurs verkauft als der Kaufpreis betrug, hat gewonnen – so einfach ist das.

Nun ist das leider nur die eine Seite der Medaille, denn Kurse können bekanntlich fallen. Dann schlägt die Stunde der Hedgefonds, die gerade bei fallenden Kursen Gewinne – eine positive Rendite –verzeichnen.

Leerverkäufer – berühmt berüchtigt

Möglich ist das auf vielfältige Weise, indem sich die Hedgefonds verschiedener Finanzinstrumente bedienen. Eines sind die Leerverkäufe – neben den Derivaten die vermutlich berühmt-berüchtigtste Anlagestrategie der Hedgefonds. Das Prinzip ist einfach. Der Leerverkäufer verkauft eine Aktie, die er noch gar nicht besitzt. Mit seinem Verkäufer einigt er sich allerdings, die Aktie zu einem festgelegten Zeitpunkt und Kaufpreis zu liefern. Der Leerverkäufer bekommt also die Auflage, das Wertpapier an einem bestimmten Tag zu liefern und erhält dafür einen garantierten Kaufpreis. Warum macht der Käufer das? Ganz einfach: Er rechnet damit, dass der Kurs der Aktie zum Lieferzeitpunkt höher sein wird als zum Zeitpunkt der Verabredung – anders als der Leerverkäufer, der eben von einem sinkenden Kurs ausgeht. Sinkt der Kurs nun tatsächlich, kann der Leerverkäufer die Aktie zu einem günstigeren Preis einkaufen als er vom Käufer bezahlt wurde und fristgerecht liefern. Die Differenz zwischen dem garantierten und dem tatsächlichen Einkaufspreis ist der Gewinn des Leerverkäufers. Er hat also vom fallenden Kurs profitiert.

Das Ziel der Hedgefonds ist, ein Finanzprodukt darzustellen, das mit fallenden Kursen Gewinne macht und so die Verluste ausgleicht oder begrenzt, die bei „normalen“ Wertpapieren durch die fallenden Kurse eintreten. Das Prinzip ist also, dass der Anleger eine Wette in beide Richtungen eingeht – in Richtung des Kursgewinns- und des Verlustes – und hofft, dass beide sich ausgleichen oder gegenseitig übersteigen.

Eine weitere Möglichkeit, auch bei fallenden Kursen Gewinne zu machen, bieten die sogenannten Derivate. Sie berechtigen den Käufer ein Finanzprodukt, etwa eine Aktie oder ein Rentenpapier, in Zukunft zu kaufen – zu einem Preis, der zu einem früheren Zeitpunkt schon feststeht. Es handelt sich also um eine Wette, ob der Kurs eines Wertpapiers steigt oder fällt.

Als Absicherung sind Derivate vor allem für Händler nicht wegzudenken. Anhand eines Beispiels ist es einfach zu verstehen, warum das so ist.

Vom Bauern, der sich absichert

Wir nehmen an, Bauer A kauft ein Derivat, das ihm pro Regentag die Geldsumme X auszahlt. Bauer A besitzt ein großes Weizenfeld, das er nur bei trockenem Wetter abernten kann. Nun fällt die Ernte aber sprichwörtlich ins Wasser und unserem Bauern A entgehen die Einnahmen für ein Jahr. Für ihn ist das finanziell verkraftbar, denn er bekommt ja die Summe X aus seinem Derivat ausgezahlt. Im nächsten Jahr läuft es aber rund, die Sonne knallt auf die Erde und es gibt keinen Regentag. Nun muss unser Bauer auszahlen – wenn er klug war, hat er sein Derivat aber so gekauft, dass seine Einnahmen durch die Ernte die Erfüllung des Derivats übersteigen. Unser Bauer hat sich also gegen das Risiko eines Ernteausfalls abgesichert.

Kritik erlaubt – aber fair

Risiken abzusichern hört sich sinnvoll an und ist es auch. Aber mit Blick auf den eingangs erwähnten Hammer zeigt sich eben doch, dass jedes weise Mittel auch auf unlauterem Wege genutzt werden kann.
Nicht selten reicht den Kapitalgesellschaften das von ihnen verwaltete Geld nicht aus, um Risiken adäquat abzusichern. Ein Gegenmittel haben sie in Form der sogenannten Hebel gefunden, die nicht zu Unrecht mit dem Wort „hochspekulativ“ in Verbindung stehen. Das Prinzip des Hebels ist einfach. Ein Hebel ist ein Multiplikator. Steigt also ein Kurs um zwei Punkte und bemüht die Kapitalgesellschaft einen Hebel von „drei“, dann erhält sie einen Kursgewinn von sechs Punkten. Denn ein Anstieg von zwei Punkten multipliziert mit dem Hebel von drei Punkten ergibt eben sechs Punkte. Nun findet das Gleiche aber auch in Gegenrichtung statt, so dass ein Kursverlust von vier Punkten eben einem realen Verlust von zwölf Punkten entspricht. Das hat nicht wenige Kapitalgesellschaften in den Totalverlust getrieben, die ihre Verpflichtungen schlichtweg nicht mehr erfüllen konnten. Sie haben sich verspekuliert.

Auch ist das Risiko bei einem Leerverkauf höher als von Kursgewinnen zu profitieren. Denn der Leerverkäufer verliert, wenn das zugrunde liegende Wertpapier steigt. Das Risiko ist daher im Gegensatz zum sinkenden Kurs, der nicht tiefer als Null sinken kann, unbegrenzt.

Letztlich wurden Leerverkäufer vor allem während der Finanzkrise für den massiven Kursverfall an der Börse verantwortlich gemacht. Denn massive Leerverkäufe treiben die Aktienkurse nach unten und beeinflussen somit auch konservative Anleger, die weniger spekulativ sind. Letztlich sind Hedgefonds auch in Krisenzeiten gerne ein Sündenbock für Politik und Medien, obgleich sie wichtige Aufgaben im Finanzmarkt erfüllen und auch ein Gradmesser für die Bewertung eines Unternehmens sind.