Glück ist relativ. Zum Beispiel bei einem Besuch im Kino. Am besten unterhalten war ich im Kino meist dann, wenn ich mir von dem Film im Vorfeld nichts erwartet habe, also Glück hatte, einen „guten Streifen“ erwischt zu haben.

Ähnlich mag es oftmals meinen Kunden ergehen, die mich für Vorträge buchen. Je weniger sie im Vorfeld von mir erwarten, umso mehr vermag ich, zu überraschen.

Ganz konkret finde ich es immer wieder spannend, dass der Glanz meiner Personenmarke, welcher natürlich über dem der realen Person steht, mir Aufmerksamkeit und Auftrag beschert. In erster Instanz gedacht, müsste man also resümieren, ich „überverkaufe“, ja: bluffe. Denn ich verkaufe ja eine idealisierte Version meiner selbst, bin faktisch – und aus meiner Sicht – aber halt „nur ich“.

Dann aber vor Ort gelingt es ein ums andere Mal, die ja eben als überzogen erklärten Erwartungen nicht nur zu erfüllen, sondern positiv zu überraschen! Als Mathematiker haut mich das um. Wie geht denn sowas? Ich verkaufe höhere Erwartungen, als ich – nüchtern bilanziert – verkörpern kann, bin dann aber doch größer als die zu hohen Erwartungen? Es ist verrückt. Und doch erahne ich eine tiefe Wahrheit darin.

Meine Tätigkeit als Autor und Sprecher ergänzt mein Wirken als Spieler und Trainer. Allem gemein ist ein intensives Nachdenken, nicht zuletzt über etwas, womit ich stets zurechtkommen muss: Mit mir selbst. Wann bin ich gut – und warum? Wann habe ich meine Probleme – und warum? Wie halte ich weiche Faktoren – wie den Faktor Mensch – so deterministisch auf Kurs wie zu Tode kalkulierte Materie? Das ist Kunst, das ist eine echte Herausforderung für meine Wissenschaft, für die Mathematik. Hier liegt auch ein wirklicher Hebel: Unser wildes Meer an Emotionen mit den Mitteln in Ruhe kalkulierter Badewannen-Berechnungen zu bändigen.

Wie mein Spiel ein toller Mikrokosmos der Entscheiderwelt ist, so ist auch die Mathematik selbst nur ein Modell für das, worauf sie eben angewandt wird. Sie entspricht nie der Wirklichkeit, sie hat immer ihren Makel – und doch ist sie vollkommen. Eine Zahlenskala ist eindeutig. Da weiß man, wo man steht. Was ist mehr – und was ist weniger? Wie viel braucht es, um wohin zu gelangen?

Im echten Leben gibt es stets auch ein „zu viel“ – und natürlich auch ein „zu wenig“. Das dürfen wir nie vergessen, egal wie genau wir rechnen. Eine Million zu besitzen ist sicher besser als keine. Und zwei sind auch besser als eine – aber schon nicht mehr doppelt so gut! 20 Millionen aus dem Nichts im Lotto zu gewinnen, kann ich schon nicht mehr als gut bezeichnen. Und 200 Millionen für einen Fußballspieler zu zahlen, ist jenseits jeden Glaubens, jenseits jeden Gefühls für den Alltag von an sich jedem. Und trotzdem passiert es – und ich habe ein Verständnis dafür entwickelt, um derartige Ereignisse zu bewerten.

Über 10 Jahre Selbstständigkeit haben ihre Trophäen hinterlassen. Immer klarer wird mir, dass ich häufig Raum, Bühne und Gehör finde, weil ich bereits Dieses oder Jenes geleistet habe. Das ist witzig. Denn genau dieses rein ergebnisorientierte Denken prangere ich ja genau dann an. Ich will nicht, dass man gerade in komplexen Zusammenhängen die Relation zwischen der Sinnhaftigkeit des Wirkens und dem Ergebnis überstrapaziert.

Denn im Gegensatz zum „Glück“ stehen die „absoluten Werte“, klare Ordnungen, wie etwa in Zahlenketten. Das können wir Menschen nicht wirklich, sobald es interessant, sprich emotional wird.

Etwas oder jemandem kann Erfolg verwehrt sein, obwohl er superb handelt und entscheidet. Umgekehrt können geradezu aberwitzig haltlose Entscheidungen fulminante Ergebnisse fabrizieren. Achten wir nicht auf die schieren Ergebnisse. Achten wir allein auf den Input der Entscheider. Wenn dieser gut ist, dann ist alles gut. Wenn er schlecht ist, dann darf uns kein noch so fulminantes Ergebnis zur Nachahmung animieren können.

Allein das, was man beeinflussen kann, darf Gegenstand der eigenen Aufmerksamkeit sein. Glück, Pech, Metaphysik, was auch immer – es wird seinen Lauf nehmen, völlig egal, ob ich meine Zeit damit binde, ja vergeude, oder nicht.

Ich wünsche uns allen super Entscheidungen.

Zahler zocken – Könner kalkulieren
Stephan Kalhamer