Am 8. Dezember eines jeden Jahres feiert die katholische Kirche das Fest der unbefleckten Empfängnis von Maria. Was treibt mich als Mathematiker dazu, über dieses Fest zu berichten?

Schon seit vielen Jahren bin ich darum bemüht, dem überall verbreiteten totalen Missverständnis über die Mathematik entgegenzutreten. Was musste ich mir alles schon anhören. ‚Mathe konnte ich nie‘, ist eine der häufigsten Antworten, wenn ich mich als Mathematiker oute. Sobald in irgendwelchen Diskussionen Zahlen auftauchen, schaut die ganze Gemeinde auf mich, damit ich das dann richte. Wahrscheinlich meint man, dass man im Mathematikstudium im ersten Semester das kleine Einmaleins und im zweiten das große lernt. Als Höhepunkt kommt dann im 3. Semester die Bruchrechnung. Wie würden die Leute staunen, wenn sie nur mal in der zweiten Vorlesungsstunde des Mathematikstudiums zu Gast wären.

Ein ganz ähnliches Missverständnis besteht bei der unbefleckten Empfängnis. Die Hauptschwierigkeit besteht dabei nicht in dem Missverständnis, sondern in der festen Überzeugung aller, über dieses Ereignis genauso wie über die Mathematik bestens informiert zu sein.

Darum jetzt in Analogie zur Mathematik die Erklärung der unbefleckten Maria. Allgemein glaubt man, dass es mit der Jungfraugeburt von Maria zu tun hat, sie wurde halt bei der Zeugung nicht von einem Mann befleckt. Das ist doch sonnenklar.

Zum ersten sollte jedem zu denken geben, dass dieses Fest am 8. Dez., also ca. drei Wochen vor Weihnachten gefeiert wird. Selbst unsere Altvorderen wussten schon, dass eine Schwangerschaft ungefähr 9 Monate dauert und nicht drei Wochen.

Zum zweiten feiert die Kirche neun Monate später, also am 8. September, die Geburt von Maria. Holla, das ist doch merkwürdig. Wie erklärt sich das?

Nach christlicher Überzeugung hat erst Jesus mit Einführung der Taufe die Möglichkeit eröffnet, in den Himmel zu gelangen. Denn nach dem Sündenfall von Adam und Eva sind wir alle mit der Erbsünde behaftet, die uns am Eintritt in den Himmel hindert. Mit der Taufe wird dieser Makel abgewaschen. Aber jetzt das Drama: Maria wurde wohl nicht getauft. Jedenfalls gibt es kein  Zeugnis davon. Dann kann sie auch logischerweise nicht in den Himmel kommen.

Als Konsequenz daraus müsste man wohl sogar annehmen, dass auch Jesus, der sich ja nicht selbst taufen konnte, aber das mit der Erbsünde versehene Ei von Maria erhielt, nicht in den Himmel kommen konnte.

Um dieses Drama aus der Welt zu schaffen, hat schon 1439 das Konzil von Basel festgestellt, dass Maria bereits bei ihrer Zeugung durch ihre Eltern Anna und Joachim durch einen Gnadenakt Gottes von der Erbsünde befreit war.

Das Ganze hat also nichts mit Sex, sondern mit der Erbsünde zu tun. Und Maria hat nicht unbefleckt empfangen, sondern wurde unbefleckt empfangen.

Wegen des bekannten Missverständnisses wird dieses Fest heute daher als Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria am 8. Dezember begangen.

Und Mathematiker sind keine Rechner, sondern Denker, Logiker und Geisteswissenschaftler.