„Wenn Dir kalt ist, geh‘ in die Ecke, da hat es 90 Grad“. Zugegeben, es gibt bessere Sprüche, Witze, Comics oder Cartoons über Mathe oder mit mathematischem Inhalt als diesen. Aber er zeigt, dass sich Menschen immer wieder damit beschäftigen, Mathematik und Witz zu vereinen. Dahinter steckt häufig der Versuch, Mathematik einer breiten Leser- oder Seherschaft auf humorvolle Art zugänglich zu machen. Schon der Ansatz erinnert an mathematische Arbeitsweisen, weil man versucht, Abstraktion mit Kreativität zu paaren. Die Unterhaltung kommt dann ergänzend dazu – Abstraktion und Kreativität gehören eindeutig zur Mathematik und gute Unterhaltung kann bestimmt nicht schaden und ist vielen Mathematikerinnen und Mathematikern durchaus nicht fremd.

Wenn man im Internet nach dem Begriff „Mathematik und Cartoon“ oder „Mathematik und Comic“ sucht, kann man sich einen ganzen Tag damit beschäftigen, die unterschiedlichen Ansätze zu betrachten. Viele gehen über ein „Na ja“ nicht hinaus, wie der eingangs zitierte Spruch zeigt. Aber es gibt auch echte Highlights. Ein paar sollen hier vorgestellt werden:

Schon im Jahr der Mathematik 2008 lobte die Deutsche Mathematiker-Vereinigung (DMV) erstmals einen Cartoonpreis aus. 150 Künstlerinnen und Künstler beteiligten sich mit etwa 250 eingesandten Bildern an diesem Wettbewerb. Eine Jury aus Zeichnern und Mathematikern wählte drei Gewinnerinnen und Gewinner aus, die jeweils Geldpreise bekamen. Eine große Auswahl der Arbeiten wurde anschließend in der TU Berlin ausgestellt. Damals wurde die Berliner Grafik-Designerin Christiane Lokar („kittihawk“) für ihren Cartoon „Das JA der Mathematik“ mit dem ersten Platz geehrt. Des großen Erfolges wegen lobte die DMV 2013 diesen Preis sogar ein zweites Mal aus.

2012 wagte sich das Gießener Mathematikum an eine Karikatur-Ausstellung mit dem Titel „Mathe macht lustig…“ Schließlich entstand daraus ein Buch mit 45 Zeichnungen, das im Lappan-Verlag erschien.  Zur Entstehungsgeschichte des Buches zitiert die Mitorganisatorin der Ausstellung Laila Popovic in einem Beitrag des Mathematikums den Leiter des Lappan Verlags, Dieter Schwalm: „Ich war zugegebenermaßen skeptisch, ob ein Thema wie ,Mathematik‘ einen Cartoonband füllen kann.“ Die Mathematik, seiner damaligen Meinung nach die ‚sprödeste aller Wissenschaften’, als Grundlage für ein Buch mit Cartoons, war für ihn zunächst kaum vorstellbar. „Aber ich wurde eines Besseren belehrt“, so der Verlagsleiter.

Ein weiteres Buch mit Mathe-Zeichnungen ist „Mathe macchiato“, ein Cartoon-Mathematikkurs für Schüler und Studenten und den beiden Ergänzungen „Statistik macchiato“ und „Mathe macchiato analysis“. Schaut man bei Amazon nach, findet man fast ausschließlich gute Kundenrezensionen wie etwa: “Im Buch ist Mathematik witzig erklärt. Die Themen sind sehr gut behandelt. Die Comic-Aufmachung sollte aber nicht dazu verleiten zu glauben, es handele sich um ein sehr einfaches Buch. Dem ist nicht so.“ Hier dienen die Zeichnungen also nicht mehr nur der witzigen Unterhaltung, sondern sind vielmehr auch Beispiel für eine gelungene Methode, Alltagskultur mit einem mathematischen Lerneffekt zu verbinden.

In einem weiteren Cartoon-Buch steht ebenfalls der lehrende Ansatz im Vordergrund. „Das verrückte Mathe-Comic-Buch“ wird ebenfalls von vielen Rezensenten in den höchsten Tönen gelobt. Es stellt 25 Themen der grundlegenden und höheren Mathematik in 75 heiteren Bildergeschichten vor. Bild der Wissenschaft schreibt dazu: „Der Weimarer Mathematiker Gert Höfner und die Berliner Illustratoren Darja und Siegfried Süßbier bilden ein kongeniales Team. Mathematische Begriffe wie Grenzwerte, Beweise, Stochastik und Algebra bekommen durch die humorvollen bunten Geschichten ein Gesicht. Was Experten schmunzeln lässt, bietet einen Einstieg für alle, die formale Nüchternheit erschreckt. Das verrückte Mathe-Comic-Buch stößt eine völlig neue Tür zur Mathe-Welt auf.“

Einen etwas anderen Ansatz hat das Buch „Die Wurzel des Lebens“ der französischen Zeichnerin Clémence Gandillot. Sie erklärt mit Strichmännchen die Probleme der existenziellen Mathematik und zeigt, in welchem Ausmaß unser Leben von mathematischen Formeln bestimmt wird. So ist bei Clémence Gandillot die Zeugung des Menschen nichts weiter als Addition und Division: Mann + Frau = Zelle. Diese muss sich wiederum teilen, um später ein Ganzes zu ergeben.

Mathematik gibt es aber nicht nur als Cartoon gezeichnet, auch in einigen Zeichentrickserien spielt das Fach immer wieder eine Rolle. Das bekannteste Beispiel hierfür ist sicherlich die US-amerikanische Serie „Die Simpsons“. Der Schriftsteller Daniel Kehlmann behauptet gar, die Simpsons seien „eines der intelligentesten Kunstwerke unserer Zeit“, vollgepfropft mit Mathematik.

Diese Meinung vertritt auch der britische Erfolgsautor Simon Singh. Er hat ein Buch über die Serie mit dem Titel „Homers letzter Satz – Die Simpsons und die Mathematik“ herausgebracht. Dieser Bestseller ist 2013 auch in deutscher Sprache erschienen. Weit über 100 Beispiele hat der Autor laut spiegel online gefunden, wie die Autoren der Serie den Zuschauern heimlich Mathematikunterricht geben. Er selbst schreibt in der Zeit vom 7. November 2013: „Die Simpsons sind zweifellos die mathematisch anspruchsvollste Serie in der Geschichte des Fernsehens.“

Einige Beispiele sollen hier zitiert werden: So wird die Simpson Tochter Lisa Baseball-Trainerin und führt ihr Team mit den Grundlagen der Statistik zum Sieg. Als Vater Homer seine Tochter dabei erwischt, wie sie versucht, ein Perpetuum mobile zu bauen, mahnt er sie: „Lisa, in diesem Haus gehorchen wir den Gesetzen der Thermodynamik!“ Auch Homers Erklärung der Form des Universums mit Hilfe eines Donuts beruht auf mathematischen Tatsachen. Schon in der Pilotfolge von 1989 gab es laut Singh zahlreiche mathematische Anspielungen, darunter ein Scherz über die Infinitesimalrechnung. In der Folge „Die Fahrt in die Hölle“ stecken nach Ansicht des britischen Autor die „intensivsten fünf Minuten Mathematik, die je für ein Massenpublikum gesendet wurden“.

Erstaunlich ist diese Nähe der Serie zur Mathematik und anderen Naturwissenschaften laut Autor Singh nicht. Er hat die Autoren in Los Angeles besucht und herausgefunden, dass die Comedy-Schreiber allesamt Mathematik-Nerds sind. Sie haben an Elite-Unis studiert, manche haben in Mathematik promoviert. Alle lieben sie Zahlenspiele und haben laut Singh manchmal auch Gags in die Dialoge geschrieben, die nur für Insider erkennbar sind. Produzent David X. Cohen erfand für eine Folge sogar ein eigenes mathematisches Paradoxon.

Autor Simon Singh, selbst studierter Teilchenphysiker, zeigt sich überhaupt begeistert von der Nähe zwischen Mathematik und guten Witzen. „Beide müssen sorgfältig aufgebaut werden, beide brauchen ein überraschendes Ende, und im Prinzip haben beide eine Pointe“, schreibt er.

Nicht selten haben die Simpsons bereits Einzug in die Schulen und Hochschulen und damit auch in die Lehre gehalten. Unter „simpsonsmath.com“ findet man im Internet eine umfangreiche englischsprachige Sammlung von Beispielen aus der Serie und daraus abgeleiteten Arbeitsmaterialien.

Eine solch mathematische Ausrichtung können deutsche Comic-Serien bisher nicht vorweisen. Immerhin gab es in  der Serie „Bernd das Brot“ des Kinderfernsehen KiKa in der 16. Folge der Serie „Tolle Sachen“ eine Folge, in der der Mathe-Hut vorgestellt wurde. Mit diesem Hut wird man zum Mathe-Genie und kann jede Rechenaufgabe in Sekundenschnelle lösen. Ein voller Erfolg für die Mathematik war aber dieser deutsche Hut leider nicht, denn seine nicht unwichtige Nebenwirkung war es, nur noch in Zahlen sprechen zu können. Schade eigentlich!