Trump gewinnt. Entgegen aller Vorhersagen. Als Mathematiker fühle ich mich herausgefordert. Was kann die Prognostik leisten und wo liegen die Grenzen des Wahrscheinlichkeitsraumes?

In meiner Welt herrscht Klarheit. Im Mikrokosmos des Pokertisches gibt es fixe Regeln. Ein Ass war, ist und bleibt ein Ass. Es gibt 4 davon. Sie sind in steter Gesellschaft von 48 anderen Karten. Welche konkrete Karte die unmittelbare Zukunft bringt weiß niemand – dass jede noch nicht wahrgenommene Karte gleichermaßen in Betracht kommt, aber durchaus. Echte Gleichverteilung ist anzuwenden und mit ihr Statistik und Prognostik.

Der Blick in die Vergangenheit lohnt. Man zieht Schlüsse und wendet diese an. So erhält man verlässliche Aussagen wahrscheinlicher Zukunftsszenarien. Darauf kann man wetten. Sehr gut sogar. Es funktioniert für den überlegenen Entscheider am Pokertisch genau deshalb, weil den errechneten Erwartungswerten belastbarer Dateninput zugrunde liegt und dank Regelsicherheit im Spiel direkt fortgeschrieben werden dürfen. Ein Heimspiel für den Mathematiker.

Viel schwerer ist es in der echten Welt. Wir Mathematiker sind moderne Auguren; im Wohl wie im Wehe – immer mit Recht. Es gibt keine sinnvolleren Ansätze als auf Basis von Erwartungswerten und Varianzen Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Diese dürfen, ja sollen gerne etwas menscheln. Denn die Realität hat auch Komponenten zu bieten, die keine Wissenschaft jemals abbilden könnte. Die Realität ist die einzige Wahrheit. Jede Wissenschaft, auch die meine, nur vereinfachender Diener.

Wer einen Mathematiker nach dem Wetter, dem nächsten Fußballweltmeister, nach Heilungschancen in der Medizin oder dem nächsten US-Präsidenten fragt, der bekommt die bestmögliche Antwort auf seine unmenschlich schwere Frage. Nicht mehr und nicht weniger.

Es liegt in der Hand des Fragenden, wann er welche Frage stellt und wie sinnvoll diese ist. Die Branche der Wahlforscher – ähnliches Expertentum gibt es auch an der Börse oder im Sport – existiert nur, weil es einfach so unglaublich toll wäre, wenn man heute schon wüsste, was das Morgen bringt. Dieser Wunsch ist so stark, dass er oftmals den Blick für die Realität vernebelt.

Gab es denn jemals etwas Vergleichbares zu diesem nun endlich beendeten Duell Clinton vs. Trump? Gab es denn jemals eine vergleichbare mediale, wirtschaftliche oder politische Situation wie die aktuelle? Sagt ein Befragter überhaupt aus, was er dann auch wirklich tut? Weiß er es denn selbst überhaupt? Ein Jahr, einen Monat, eine Woche oder einen Tag vor der Wahl? Noch auf dem Weg zur Wahlurne kann ein Satz aus dem Autoradio alles ändern und er macht sein Kreuz dort, wo es sich in diesem Moment richtig und logisch anfühlt, es aber vielleicht vorher nie war, vielleicht sogar nie wieder sein wird.

In so einem komplexen Umfeld siegt nicht die Ratio. Es herrscht nicht nur das Kalkül. Es triumphiert zumeist die Emotion. Unabhängig von politischer Gesinnung muss man sich nun die Frage stellen, ob Trump das vorher wusste oder ob es Zufall war. Das ist der schmale Grat zwischen kalkulierten Risiko und wahnwitzigem Übermut. Sein Sieg ist überwältigend. Er hat geschafft, was ihm niemand zugetraut hätte.

Eine Bewertung nach Ergebnis ist in der Entscheidungstheorie aber immer unangebracht. Es geht um die Qualität seiner Entscheidung zum Zeitpunkt, an dem er sie traf. Bewusst oder unbewusst. Darf man ihm also Kalkül zurechnen?  Oder kennt er schlicht nur Vollgas von Natur aus – und war damit zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort? Oder aber wusste er um die unbändige Kraft von Vollgas und hat sie bewusst hier und jetzt entfesselt. Nicht etwa vor 4 Jahren. Oder 8 oder 12. Er hat auch deshalb gewonnen, weil weder bei den Roten noch bei den Blauen einer ein wirksames Mittel gegen diesen Brute-Force-Bulldozer hatte oder dieses glaubwürdig leben und kommunizieren konnte. Wenn er das wusste, dann hat er richtig entschieden und wir dürfen hoffen, dass er das noch öfter tun wird. Nur dann.